Wie die Liebe das DDR-System überlistete
Zwei Professoren im Gespräch: Rechtsprofessor Oliver Diggelmann (links) und Literaturprofessor Thomas Strässle, Autor der «Fluchtnovelle».
Es gäbe den Autor wohl nicht und damit auch das Buch nicht, aus dem Thomas Strässle gelesen und über das und dessen Entstehung er gesprochen hat, wenn der Fluchtplan gescheitert wäre. Und es hätte somit auch diesen wunderbaren und eindrücklichen Abend im «Schweizerhof» nicht gegeben. Doch das Happy End dieser abenteuerlichen Geschichte – die Liebes- und Fluchtgeschichte seiner Eltern aus der DDR – hat alles ermöglicht: den Autor, das Buch und die Lesung. Wobei den über 100 Interessierten weniger Lesung geboten wurde als ein tiefsinniger und aufschlussreicher Dialog über das Making of der «Fluchtnovelle». Strässle gab leicht kokettierend zu verstehen, dass er nicht sehr gerne vorlese, schon gar nicht Dialoge. Doch umso mehr begeisterte er mit Hintergrundwissen, Humor und Charme im Gespräch mit dem Zürcher Staats-und Völkerrechtler (und selbst Autor zweier Romane) Oliver Diggelmann. Da sassen also zwei hochdekorierte Professoren am Lesetisch, freundschaftlich verbunden über die Literatur hinaus. Doch professoral wurde es nie an diesem Abend, weder akademisch verschroben noch lehrerhaft trocken, sondern lebendig und kurzweilig.
Thomas Strässle erzählte druckreif, wie ihn der Stoff, der ihm buchstäblich in die Wiege gelegt wurde, jahrzehntelang «verfolgte», bis er sich zutraute, diese sehr persönliche Geschichte literarisch umzusetzen. Auf die Frage Diggelmanns, wie er neben seiner Forschungs-, Lehr- und Kritikertätigkeit noch Zeit zum Schreiben finde, rechnete Strässle vor, dass die 120 Seiten über 30 Jahre entstanden sind, «dass also im Durchschnitt drei bis vier Seiten pro Jahr dazukamen». Wobei es dann während Corona einige mehr waren. «Warum eine Novelle?», fragte Diggelmann weiter. Dass diese in der zeitgenössischen Literatur etwas in Vergessenheit geratene Form für diesen Stoff absolut schlüssig ist, zeigte sich im Verlauf des Gesprächs. Die Flucht der beiden jungen Liebenden 1966 aus dem geschlossenen System der DDR hangelt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt, liest sich wie ein Krimi und ist in einem so «secen» Ton geschrieben, dass die Emotionen ganz den Lesenden übertragen sind. Mitfiebern ist garantiert, auch wenn man das Happy End bereits kennt. Fast jedes der 27 Kapitel hätte Stoff für einen eigenen Roman hergegeben. Doch das war nicht Strässles Absicht: Das Psychologisieren und die Innenschau der Hauptfiguren waren nicht Thema, sondern ihn interessierte, wie man einem Überwachungsstaat – gegen die Logik des Systems – trickreich ein Schnippchen schlagen kann. So ist diese dokumentarische Novelle ein eindrückliches Dokument geworden und nicht zuletzt eine in jeder Hinsicht Grenzen überschreitende Liebesgeschichte, welcher der Sohn ein literarisches Denkmal gesetzt hat, eine Liebesnovelle, «die auch diejenigen erfreut, die es angeht», wie Strässle abschliessend bemerkte. Vorab seine Eltern.
Der Abend war ein weiterer Höhepunkt in der mittlerweile zwölfjährigen Geschichte der LGL, an dem auch des kürzlich verstorbenen Gründers und Ehrenpräsidenten der LGL, Peter Schulz, gedacht wurde.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)