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Rückblick

Alexandre Lecoultre: Texte wie Pilze

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Übersetzerin und Autor: Ruth Gantert und Alexandre Lecoultre. (Bild Marco von Ah)

Nein, in eine Schublade passt dieser Autor nicht, genauso wenig wie seine Texte. Das zeigte sich beim Zuhören der zweisprachig vorgetragenen Passagen wie auch im Gespräch mit der Übersetzerin Ruth Gantert. Schon der Titel von Alexandre Lecoultres letztem Buch «Wo das Gewitter singt», im französischen Original «Là où chante l’orage», verbirgt mehr, als er offenbart. Und so ist es im ganzen Buch, das sich auch als offenen und durchlässigen Raum bezeichnen lässt.

Gut 40 Interessierte lauschten in der Bibliothek Zug dem intensiven Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin, folgten den differenzierten Ausführungen und erhielten Einblick in den Produktionsprozess und ins Denken dieses bei uns noch wenig bekannten Autors, bei dem «das Schreiben immer da ist». Zehn Stimmen tauchen auf, Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen, erzählen Geschichten, flunkern, fantasieren und offenbaren Intimes aus ihrem Alltag, «erfahrungsorientiert, aber ohne zu klagen». Ein Chor ergänzt die Einzelstimmen als Wir. Rote Fäden verbinden die Erzählungen, Motive wiederholen sich, präzis gesetzte Wörter erzeugen Verbindungen. «Eine verschlungene Art des Denkens» sei die Komposition, die immer auch zu existenziellen Fragen führe. Alle Stimmen argumentierten aus einem «vulnerablen Standpunkt», sagte Lecoultre und gestand, dass «jede Stimme ein Teil von mir ist». Die Stimmen zu verbinden und zu verdichten sei das eigentliche schriftstellerische Handwerk gewesen. Keine einfache Aufgabe war es, den Text ins Deutsche zu übersetzen. Ruth Gantert brachte Beispiele, die aufzeigten, wie sie gekonnt die Tonalität aufnahm, sehr zur Zufriedenheit des Autors. Bei ihm kämen immer die Bilder zuerst, die er dann in Sprache übersetze, «aber alles ohne Programm», ohne zu wissen, wie das Endprodukt aussehe. Was in «Wo das Gewitter singt» herauskam, ist ein faszinierender Text mit «Unikaten, die wie Pilze aus dem Boden schauen, aber eine unsichtbare Verbindung haben».

Die Veranstaltung war eine Kooperation der Literarischen Gesellschaft Zug mit der LiteraturGesellschaft Luzern und dem Verein Zuger Übersetzer.

Das Buch ist zweisprachig im Luzerner Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen.

23. September 2026 – Hans Beat Achermann (Text)

«Marschieren»: Grosses Kino für eine Wiederentdeckung

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Herausgeber Charles Linsmayer, Schriftsteller Heinz Stalder und Moderator Manfred Papst (von links) bei der Vorstellung von Heinz Stalders Roman «Marschieren» im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof. (Foto Emanuel Ammon/AURA)

«Ehre, wem Ehre gebührt»: So eröffnete LGL-Präsidentin Regula Jeger den Abend im vornehmen Zeugheersaal im Schweizerhof. Die Ehre galt ganz Heinz Stalder, dem 87-jährigen Autor aus Kriens und seinem Roman «Marschieren», dessen Wiederentdeckung bzw. Neuauflage vor über 100 Literaturinteressierten gefeiert wurde. Schon das prominent besetzte Podium im Zeugheersaal zeugte davon, dass hier ein Autor und ein Werk bejubelt wurden, das 1984 ein Solitär war in der Schweizer Literaturlandschaft. Charles Linsmayer, der Wiederentdecker und Herausgeber der Neuauflage, Robert Hunger-Bühler, begnadeter Rezitator, Manfred Papst, freundschaftlich verbundener Fragesteller, sie alle zeigten dem gebürtigen Berner Autor Heinz Stalder ihre Begeisterung. «Wie ein Mahlstrom» sei «Marschieren» und Stalder ein Figurenautor, der in die Menschenseelen hineingehe, sagte Hunger-Bühler und bekannte, dass er den Roman ohne Marschhalt gelesen habe, quasi durchmarschiert sei. Dass der Text stark vom Rhythmus lebt, zeigte sich beim Vorlesen von Hunger-Bühler, der die Zuhörenden mitriss in diesen Mahlstrom, in das Vorwärtsgehen und in die Sinnlichkeit der Sprache. Um Sprache geht es auch inhaltlich bei «Marschieren», der von einem handelt, der plötzlich nach jahrelangem Verstummen an der Seite seiner Frau die Sprache wiederfindet, eine «ruhelose Selbstentäusserung», wie Linsmayer sagte, doch das gelingt ihm nur, indem er die Frau erwürgt. Ein Femizid. Einzigartig am Text ist, dass alles in indirekter Rede daherkommt, kein Ich-Roman, kein Monolog, sondern distanziertes Erzählen, abschweifend, erinnernd, reflektierend. Das Stilmittel der indirekten Rede sei einzigartig gewesen bei der ersten Romanveröffentlichung bei Nagel&Kimche 1984. Der stilistische Vergleich mit Dorothee Elmigers 40 Jahre später erschienenem Roman «Die Holländerinnen» wurde gezogen, aber auch Thomas Bernhards atemlose Prosa liegt nahe.

Heinz Stalder, seit 60 Jahren verheiratet, betonte, dass es im Buch keine biografischen Bezüge gebe. Ihn hätten Geschichten interessiert, wie er sie in seinem Geburtsort, dem bernischen Allenlüften, immer wieder gehört habe, Dorfklatsch. Den grössten Teil des Buches hat er in Formentera geschrieben, ohne Konzept, ruhelos und vorwärtsdrängend. Obwohl er Auszeichnungen für den Roman erhielt, über 30 Mal zu Lesungen eingeladen wurde, blieb der Roman damals am Rande des Betriebs, vielleicht auch, weil er nicht wie Stalders erster Roman bei Rowohlt in Deutschland erschien. Das soll sich jetzt ändern mit der Neuauflage in der Reihe Reprinted by Huber im Kampa-Verlag. «Wir haben jetzt das Lektorat nachgeholt», sagte Linsmayer, wobei die Substanz erhalten geblieben sei. Keine Aktualisierungen gibt es, einzig die Frau bekommt mehr Raum und Zwischentitel wurden gesetzt. «Das Buch wurde perfektioniert», fand Linsmayer. Wieso er in seinen weiteren Werken nicht beim Stil von «Marschieren» geblieben sei, wollte eine Zuhörerin wissen. «So ein Buch schreibt man nur einmal», waren sich alle auf dem Podium einig. Was aber das Inhaltliche betrifft, die Radikalität, hätte sich Linsmayer durchaus eine Fortsetzung gewünscht. «Was hast du später nur für harmlose Bücher geschrieben», habe ihm Linsmayer in einem Brief geschrieben, bekannte Stalder. Auf dem täglichen Schulweg in Kriens, als Lehrer ins Gabeldingen hinaufmarschierend, seien ihm halt nicht mehr solche radikalen Geschichten zugefallen, antwortete Heinz Stalder. Aber ein Buch veröffentlicht zu haben, das als Solitär gilt, ist ja auch nicht schlecht. Die Veranstaltung hat den Rang dieses Werks mehr als bestätigt.

28. August 2026 - Hans Beat Achermann (Text)

Von einem, der nie ankam

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Engagiert und in Bewegung: Usama Al Shahmani.

Ein «poetisches Aufklärungsbuch» könnte man ihn nennen, den neuesten Roman «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» von Usama Al Shahmani. Der 1971 in Bagdad geborene Autor und Literaturwissenschaftler, der seit 2002 in der Schweiz lebt, erzählt darin von einem weitestgehend unbekannten und verschwiegenen Kapitel der neueren Geschichte: der Judenverfolgung unter Mithilfe der Nazis in Bagdad, wo bis Anfang des 20. Jahrhunderts Juden, Muslime und Christen friedlich zusammenlebten. Moderatorin Luzia Stettler, empathisch und sympathisch, zeigte sich gleich bei ihrem Einstieg ins Gespräch erschüttert und beschämt über das nicht nur eigene historische Nichtwissen. Wie so oft bei Lesungen öffnete das Gespräch neue Räume, zusätzlich zu den zwei Räumen, die das Buch beinhaltet: die Faktenebene und die Fiktion. «Die Schwierigkeit war, eine Form zu finden für diese zwei Ebenen», sagte der Autor. Dazu kommen noch verschiedene Zeitebenen und Handlungsorte.  Mit einer raffinierten Dramaturgie gelingt es Al Shahmani, Spannung zu erzeugen und die Themen zu verknüpfen: Es ist eine Spurensuche, welche die Hauptfigur Gadi zuerst nach Israel und dann nach Bagdad führt, um dort die Hälfte der Asche des verstorbenen Vaters in den Tigris zu streuen und gleichzeitig nach Spuren der jüdischen Vergangenheit zu suchen. Wer war dieser Vater, den der Sohn 30 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte und der seine irakische Herkunft verleugnete, verdrängte, der sich dem Sohn erst durch hinterlassene Aufzeichnungen offenbart? Kurz: Er verkörpert «das Trauma der Vertriebenheit», das überzeitliche Schicksal eines Exilierten, der nie und nirgendwo ankommt, immer fremd bleibt.

Er liebe Flüsse, sagte der Autor, weil sie immer in Bewegung seien. In Bewegung erweiterte er gestenreich und bildhaft erzählend die Textebene, gab Auskunft über das heutige Bagdad, das er bei seinen Recherche-Reisen kaum mehr wiedererkannt hat, «aber noch finden sich Spuren der Juden in der Architektur, der Sprache und der Musik». Er erzählte von seiner Grossmutter, die Analphabetin, aber eine grosse Geschichtenerzählerin war, las von Myra, einer alten Jüdin, die versteckt in Bagdad überlebte.

Usama Al Shahmanis Bücher zeichnen sich durch lange, poetische Titel aus. Diese seien so etwas wie ein Eingang in einen Raum, ein erster Gedanke, der den Ton angebe, antwortete er auf Luzia Stettlers entsprechende Frage. Und er gestand, dass der Verlag anfänglich nicht sehr Freude hatte an diesen langen Gedankeneingängen, die inzwischen schon fast ein Markenzeichen geworden sind.

So wie der Vater in seinen Aufzeichnungen schreibend seine Wurzeln erforschte, so begibt sich auch Usama Al Shahmani in die Tiefen der eigenen Seele und der eigenen Vergangenheit: «Denn jedes Buch besteht aus einem Teil Autobiografie, verteilt auf verschiedene Figuren.» Mindestens in der Sprache gibt es ein Ankommen, «auch wenn Unrecht sprachlich nie ganz zu fassen ist», wie der Schriftsteller festgestellt hat.

Mit neuem Wissen und bereichert durch einen engagierten Auftritt verliessen die 50 Zuhörenden die literarischen Romanräume und den realen Salon 2 im Schweizerhof. Draussen vor der Tür wartete die Welt der Bildschirme, auf denen eben der Fussballmatch zwischen der Schweiz und Kanada begonnen hatte. Noch hatte die Literatur nach 90 Minuten gesiegt.

Hans Beat Achermann (Text und Bild)

 

 

Weiter zurückliegende Beiträge finden Sie in der Rubrik Archiv mit den verlinkten Rückblicken.

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