Wenn Lebensstoff zu Lesestoff wird
Barbara Honigmann (links) im Gespräch mit Bettina Spoerri.
LGL-Präsidentin Regula Jeger bezeichnete es bei ihrer Begrüssung als «grosse Ehre», nach 2021 und 2023 die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Barbara Honigmann zum dritten Mal bei der LiteraturGesellschaft begrüssen zu dürfen. Und sie ordnete das neuste Buch «Mischka» gattungsmässig gleich ein, ohne einen Gattungsbegriff zu verwenden: «Hier wurde Lebensstoff zu Lesestoff.» «Mischka» ist tatsächlich ein Erinnerungsbuch, das ohne weitere Gattungsbezeichnung daherkommt. Im Untertitel steht schlicht «Drei Porträts». Das ist einerseits genau, weil das Buch drei Kapitel umfasst, anderseits untertrieben, weil es weit mehr als drei Personen sind, die Honigmann lebendig werden lässt, lebendig durch ihre anschauliche, genaue Sprache. Denn in Wirklichkeit sind ihre Porträtierten alle schon verstorben. Es sind Menschen aus verschiedenen Generationen, die meisten jüdisch, die meisten mal dem Kommunismus verbunden, später Dissidenten. Schicksale, die Honigmann bei ihrer «Mitmutter oder Nebenmutter» Mischka kennenlernte, aus Erzählungen, aber auch aus direkten Begegnungen in Moskau und Budapest, Strassburg und Wien. «Eigentlich war es kein Kreis, eher ein Kosmos, ein Universum, das mich in meiner Kindheit umstrahlte, umschloss und beschränkte mit seinen vielförmigen, mäandernden, ineinandergreifenden oder parallelen, in späteren Jahren auch auseinanderstrebenden Bahnen. Dieser Kosmos ersetzte mir die Familie, die ich nicht hatte.» So beginnt das Buch: Die Sätze enthalten im Kern schon die ganze Geschichte. Und damit begann sie die eindrückliche Lesung.
Privat und politisch
Als «Kaleidoskop» bezeichnete die bestens vorbereitete Moderatorin Bettina Spoerri dieses Personenuniversum, bei dem immer wieder andere Menschen im Mittelpunkt stehen, «Menschen, die für oder gegen Ideologien» kämpfen. «Mischka» ist nicht nur ein privates Buch, sondern auch ein hochpolitisches, denn beim Schreiben habe sie die Geschichte (auch die aktuelle) immer auch mitgedacht. Besonders auch das Nicht-wissen-Wollen vor allem der Linken über die Gräueltaten des Gulags in der Sowjetunion habe sie immer «wahnsinnig aufgeregt», bekannte Honigmann. Die Empörung manifestierte sich anschaulich in Mimik und Gestik, wie überhaupt die ganze Lesung sich durch eine seltene Authentizität auszeichnete. Um nochmals auf die Form zurückzukommen: Honigmann bekannte, dass sie sich an Danilo Kîs’ Roman «Ein Denkmal für Boris Dawidowitsch» orientierte, ein Buch, das sie gleich auch als Leseempfehlung mitgab. Sie betonte auch, dass «Mischka» nicht dokumentarisch sei. Sie wolle einfach erzählen, sagte sie.Und vielleicht auch noch aufklären. Kurz gesagt: Entstanden ist das, was grosse Literatur ausmacht: brilliant formulierte und geformte, verdichtete Wirklichkeit. Das ist ihr gelungen, nicht nur im Buch, sondern auch im intensiven Gespräch mit Bettina Spoerri. Man spürte förmlich immer wieder die innige Verbundenheit der Autorin mit ihren Figuren: «Mischka war immer schon da», sagte sie. Ergänzend kann man sagen: Mischka wird bleiben dank diesem schmalen, aber eindrücklichen Buch.
14. Oktober 2026 – Hans Beat Achermann (Text und Bild)