Wenn das Hiäsige welthaltig wird
Hanspeter Müller-Drossaart verleiht seinen Texten Leben, musikalisch begleitet von Peter Gisler.
War das nicht ein abgewandelter und verwandelter Betruf, der den Beginn dieses begeisternden Abends einleitete, gespielt, gestrichen und gezupft von Peter Gisler? Die Stimmung war somit jedenfalls gesetzt, die Literatur verortet: Doch genau der erste Text, den Hanspeter Müller-Drossaart las, deklamierte, rezitierte, interpretierte war nicht in einem der uns halb vertrauten Innerschweizer Idiome, sondern im Südtiroler Dialekt, also nicht aus der hiesigen Heimat des gebürtigen Obwaldner Schauspielers und Schriftstellers. Natürlich beherrscht er auch den österreichisch gefärbten Südtiroler Dialekt perfekt, spielt er doch seit vielen Jahren im Bozen-TV-Krimi einen Polizisten.
Es gab Besinnliches und Lustiges, Alltägliches und buchstäblich Legendäres zu hören, aufgeschnappte Dialoge und erfundene Geschichten. Immer hochpräsent war jedoch die ungeheure Farbigkeit der hiesigen Dialekte, des Wortschatzes und der Musikalität, die unsere Innerschweizer Mundarten auszeichnet. Müller-Drossaart verlieh den Worten Leben, vitalisierte die Sprache, fügte durch Mimik und Gestik dem Geschriebenen eine neue Dimension dazu. Sagenhaft etwa die Toggeli-Sage, die wie auch andere Texte in einer überraschenden Pointe endet und die vielen Zuhörenden mehr als nur diskret schmunzeln liess.
Wunderbar auch die Texte, in die der Kontrabassist und Harmonikaspieler Peter Gisler – von Müller-Drossaart als Schächentaler-Vivaldi gerühmt – dialogisch einbezogen war, sich Musik und Worte zur gewollten Unverständlichkeit überlagerten und erst recht eine dringliche «Botschaft» ins Publikum trugen.
Es war ein leichter Abend, der zeigte, dass auch schwierige und schwere Themen durchaus unterhaltsam verpackt werden können. Doch dazu braucht es einen Könner, der das Ohr für Geschichten, das Gespür für sprachliche Finessen hat und auch die schauspielerische Performance meisterhaft beherrscht.
Hanspeter Müller-Drossaart hat uns lautmalerisch Hiäsigs, Ungehörtes und Unerhörtes mitgebracht und uns daran erinnert, dass es auch andernorts Hiäsige gibt: So subtil kann ein Mundarttext Politisches anklingen lassen. Und die vermeintlich kleine Innerschweizer-Betrufwelt wird plötzlich ganz gross.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)
Übrigens: Wer das Buch kauft, kann über einen QR-Code Hanspeter Müller-Drossaart die Texte lesen hören.