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Weiterführende Gedanken zu einer Rilke-Lesung

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Mit Rainer Maria Rilke verbunden: das Ehepaar Angelika Overath und Manfred Koch. Er sprach über seine grosse Rilke-Biografie «Rilke – Dichter der Angst», sie stellte das gemeinsam herausgegebene Buch «Rilkes Tiere» vor.

An prominenter Kritik fehlte es nicht. Gottfried Benn unterstellte Rilke, «Reimplastillin» zu produzieren, Thomas Mann schrieb von «frömmelnder Geziertheit», und für Brecht war Rilkes Werk der Inbegriff einer bürgerlichen Weltflucht, einer entfremdeten Innerlichkeit, welche die soziale Realität verleugnet. Umgekehrt hielt Robert Musil Rilke für den «grössten Lyriker, den die Deutschen seit dem Mittelalter besessen haben», wie er in seiner Gedenkrede ausführte; Rilke habe «nichts getan, als dass er das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht hat.»

Rilke wurde 1875 geboren, er starb 1925. Dieses 100- bzw. 150-Jahresgedenken war der äussere Anlass für Manfred Kochs grossartige Biographie «Rilke – Dichter der Angst». Darin arbeitet Koch überaus kenntnisreich und einfühlsam prägende Stationen dieses Dichterlebens heraus: die schwere Kindheit (Koch spricht von «Muttervergiftung»), die kaum erträgliche Zeit als Zögling in den Militärinternaten St. Pölten und Mährisch-Weisskirchen (woraus die Erzählung «Die Turnstunde» resultierte, die in ihrer beklemmenden Wirkung vergleichbar ist mit Musils Roman «Die Verwirrungen des Zöglings Törless»), der tiefe Eindruck, den die Plastiken Rodins und die Bilder Cézannes auf ihn machten, seine Existenz als «Fluchttier», das zeitweise ruhelos ganz Europa bereiste, die problematische, angstbesetzte sexuelle Entwicklung und überhaupt das komplexe Verhältnis zu Frauen, das ihn immer wieder zu «intransitiven» Liebesbeziehungen führte; sie ebbten nach anfänglich heftiger Gemütsbewegung meist relativ schnell wieder ab, nachdem sie ihre Funktion erfüllt hatten, ihn literarisch zu inspirieren. (Eine Ausnahme dazu bildete Lou-Andreas Salomé, der schon Nietzsche einen Heiratsantrag gemacht hatte und die dann im Kreis von Sigmund Freud als eine der ersten Psychoanalytikerinnen tätig war; sie agierte immer wieder als verständnisvolle Lebensbegleiterin Rilkes – es gelingt Manfred Koch ein sehr eindrückliches Bild dieser starken Frau.)

Aber das Buch ist mehr als eine blosse Biographie. Es enthält auch kluge, eindringliche Werkinterpretationen, insbesondere der «Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge», des ersten modernen Grossstadtromans der europäischen Literatur (erschienen 1910) sowie der «Duineser Elegien», zweifellos eines Höhepunkts der Lyrik des 20. Jahrhunderts (erschienen 1923). Diese Interpretationen lösen teilweise auch das Rätsel der sehr gegensätzlichen Rezeption von Rilkes Werk auf: Es kommt darauf an, welche Schaffenszeit man bei der Kritik vor Augen hat, die «gefühlige» erste Schaffensphase oder die Jahre, in denen der «Malte» und die «Neuen Gedichte» (darunter «Der Panther» und «Das Karussell») entstanden, bis zu Rilkes Tod. Erst in diesen Jahren wurde seine Angst, statt zu lähmen, zur der von Koch im Titel angesprochenen Produktivkraft grosser Kunst.

Bei der letzten LGL-Lesung in diesem Jahr (welche seine Frau Angelika Overath, ebenfalls eine bedeutende Rilke-Kennerin, mit Erläuterungen zu Rilkes Tiergedichten bereicherte), konzentrierte sich Manfred Koch vor allem auf die Schweizer Jahre 1919 bis 1925. Hatte Rilke zunächst grosse Vorbehalte gegenüber der Schweizer Landschaft – die schroffen Berge im Bergell empfand er zum Beispiel anthropomorphisierend als «kränkend», ihr Aufragen als «dumm» und »Gross-Tun» –, so fand er schliesslich im geologisch sanfter angelegten Wallis seine Traumlandschaft. Hier erlebte er im Februar 1922 auch den unglaublichen Schaffensrausch, der es ihm erlaubte, binnen kürzester Zeit unter anderem die «Sonette an Orpheus» und die «Duineser Elegien» fertigzustellen.

Rilke war überzeugt von der transformativen Kraft der Kunst. Was damit gemeint ist, wird vielleicht am deutlichsten in den Schlussversen des von Rodin inspirierten Gedichts «Archäischer Torso Apollos». Es ist nicht mehr das Subjekt, welches das Kunstwerk als Objekt wahrnimmt, sondern das Kunstwerk verselbständigt sich als Subjekt und erteilt dem Betrachter als Objekt eine existenzielle Anweisung:

Denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht.
Du musst dein Leben ändern.

 

Von Hans-Rudolf Schärer (Text) und Marco von Ah (Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

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