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Was wir zu träumen wagen

Was Kunst bewirken, welche Freiheit Literatur eröffnen kann: Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dana Grigorcea immer wieder in ihrem Werk. Sie spielen nun auch eine zentrale Rolle in ihrem sechsten deutschsprachigen Roman «Tanzende Frau, blauer Hahn», aus dem sie am 29. Oktober 2026 für die LiteraturGesellschaft Luzern gelesen hat. Ruth Gantert führte als Moderatorin aufmerksam und umsichtig durch das Gespräch und baute damit Grigorceas Gedanken und ihrer Lust am Erzählen eine wunderbare Bühne.

Der Roman führt ins rumänische Bușteni, eine Kleinstadt in den Karpaten, wo sich in den 1990er-Jahren die Jugendlichen Roxana und Camil begegnen. Sie stammt aus einer wohlhabenden Bukarester Familie, die sie Sommer für Sommer an die frische Bergluft schickt, er wächst in Bușteni in einfachen Verhältnissen auf. Gemeinsam beobachten sie die Liebespaare im Ort und erzählen sich deren Geschichten. So versuchen sie einer Sprache für die Liebe auf die Spur zu kommen, die auch zwischen ihnen zu keimen angefangen hat. Wie wichtig dabei das gemeinsame Lachen ist, hatte bereits Regula Jeger in ihrer Einführung hervorgehoben. Roxana und Camil sind fest entschlossen, selbst in den merkwürdigsten Situationen etwas Komisches zu entdecken – eine Haltung, die sie mit der Autorin teilen.

Für viel Heiterkeit im Publikum sorgt die erster Lesepassage. Diese erzählt von der erfolgreichen Anwältin Madame Smara, die sich nach Bușteni zurückgezogen hat, um ihren schwer kranken Mann zu pflegen – obwohl dieser sie immer wieder betrogen hatte. Als mitten in ihrem Haus ein Kirschbaum zu wachsen beginnt, lässt sie kurzerhand das Dach öffnen. Grigorcea erzählt mit viel Schalk aus der Perspektive der Jugendlichen und begegnet den Widersprüchen ihrer Figuren mit Zugewandtheit, ohne sie zu psychologisieren. Noch mehr gelacht wurde bei der Geschichte der jungen Französin Brigitte, die sich in Panduru verguckt. Roxana soll zwischen den beiden übersetzen, doch da sie von der Verbindung wenig begeistert ist, versucht sie die aufkeimende Liebe zu sabotieren. Was nach Slapstick klingen mag, erzählt Dana Grigorcea so durchdacht, dass neben all dem Lachen Platz bleibt für eine Reflexion darüber, wie Sprache Menschen verbinden kann – oder voneinander fernhalten.

Es ist eine besondere Zeit, in der Grigorcea ihren Roman ansiedelt, und sie hat diese ganz bewusst gewählt. Nach 40 Jahren Diktatur – gut die Hälfte davon unter Ceaușescu – liegt in den 90er-Jahren plötzlich Freiheit in der Luft. Doch was fängt man mit ihr an? Die Menschen müssen erst wieder eine Sprache für ihre Wünsche finden, auch für die Liebe. Und die neu gewonnene Freiheit eröffnet längst nicht allen dieselben Möglichkeiten. Während die Sommergäste aus Bukarest das Leben in den Bergen geniessen, verlieren die Einheimischen mit dem Niedergang der Papierfabrik ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage. Diese sozialen Unterschiede trennen auch Roxana und Camil. Grigorcea beleuchtet, wie sie das Leben ihrer Figuren bestimmen. Gleichzeitig betont sie: «Besitz ist nicht nur eine materielle Angelegenheit.» Wer Zugang zu Kultur, zur Literatur hat, besitze etwas, was darüber entscheiden könne, welche Ansprüche ein Mensch an sein Leben stellen und was er sich überhaupt erträumen dürfe. Camil etwa besitzt eine aussergewöhnliche erzählerische Begabung, ohne sich dessen bewusst zu sein. «Manche Menschen wissen gar nicht, dass sie nach ihrem Glück greifen dürfen», sagt Grigorcea.

29. 10. 2026 – Anna Chudozilov (Text)

LiteraturGesellschaft Luzern

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