Von Schöftland über Schilten nach Schöllanden
Das durch Hermann Burgers Roman "Schilten" im aargauischen Ruedertal berühmt gewordene Schulhaus liegt in Walde bei Schmiedrued. Jannis Zinniker unterrichtete und wohnte dort von 1967 bis 1972. In dieser Zeit besuchte ihn Hermann Burger mehrmals und liess sich durch den Ort, den Lehrer und die Geschichten von den Schülerinnen und Schülern zu seinem Roman inspirieren. Eine Wanderung zu "Schiltens" Geburtsort.
Schlierbach gibt es, Schöllanden nicht. Oder doch? In Hermann Burgers berühmtem Erstlingsroman „Schilten“ von 1976 ist Schöllanden offensichtlich Schöftland. Und irgendwo zwischen Schlierbach und Schöftland liegt Walde, ein Ortsteil von Schmiedrued, am Rande des Schiltwaldes, „der das sichelförmige Schilttal gegen Süden abriegelt“, am Ende des Ruedertals, wie es in der Realität richtig heisst. Und in Walde steht das alte Schulhaus mit dem Friedhof ennet der Strasse, heute eine Sonderschule, früher das Primarschulhaus für das hintere Ruedertal. „Eine Sektenkapelle mit halbamtlichem Einschlag“ und einer „hinterstichigen Landturnhalle“, wie es bei Burger heisst.
Zur letztjährigen Aufführung von „Schilten“ im Luzerner Theater hatte sich ein kleine Lesegruppe gebildet und sich mit dem Romanstoff auseinandergesetzt. Wir hatten uns damals vorgenommen, den Ort des Geschehens zu besuchen, verbunden mit einer kleinen Wanderung, von Etzelwil bei Schlierbach durch den Schiltwald nach Schmiedrued und dann mit dem Postauto nach Schöllanden äh Schöftland, wo es im „Ochsen“ vorzügliches Rehgeschnetzeltes gab, das uns der Wirt extra aufgespart hatte, obwohl die Wildkarte zwei Tage zuvor abgelöst worden war. Durch eine Burger-Karte? Wohl kaum, auch wenn Burger sich darüber halbtot gelacht hätte.
Die nicht-kulinarische Überraschung gab es schon in Schilten, also in Walde, wo ein älterer Herr zwischen Friedhof und Schulhaus auf uns wartete. Es war Jannis Zinniker, er hatte von 1967 bis 1972 im legendären Schulhaus unterrichtet und auch gewohnt. Burger und Zinniker hatten sich von einer gemeinsamen Lesung her gekannt. Germanistik-Doktorand und Jungautor Burger aus Burg bei Menziken kam dann öfters auf seinen Wanderungen bei Zinniker im Schulhaus vorbei, war fasziniert von den Räumen, der Turnhalle, die auch Abdankungsort war, von der Friedhofslage, auch von den Aufsätzen der Schülerinnen und Schüler. Gemeinsam tranken sie Tee, diskutierten und erzählten einander Geschichten. Und schon damals flunkerte der Wortartist und Hobbyzauberer, der bereits 1967 als 25-Jähriger einen Gedichtband mit dem Titel „Rauchzeichen“ publiziert hatte. Nach einer solchen Begegnung war sich Burger sicher, dass er den Stoff für seinen grossen Erstlingsroman gefunden hatte.
Eine viertelstündige Postautofahrt später, im „Ochsen“ dann, zückte Zinniker Diktate und Aufsätze seiner damaligen Schülerinnen und Schüler hervor und las wundersame Texte, die von Burger inspiriert waren und ihn dann auch wieder inspirierten zu seinem überquellenden Wortreichtum und seiner schier grenzenlosen Fantasie. Jannis Zinniker, der später Weitgereiste, der auch zwei Jahre bei den Mönchen auf dem Berg Athos gewohnt hatte, war sichtlich erfreut, diese 50 Jahre zurückliegenden Begegnungen mit dem 1989 verstorbenen Burger noch einmal erzählen zu dürfen, und wir genossen es bei einem vorzüglichen Ribera del Duero, der sicher auch Burger gefallen hätte, Literaturgeschichte aus erster Hand und in wunderbarer Gesellschaft erleben zu dürfen.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)