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Von einem, der nie ankam

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Engagiert und in Bewegung: Usama Al Shahmani.

Ein «poetisches Aufklärungsbuch» könnte man ihn nennen, den neuesten Roman «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» von Usama Al Shahmani. Der 1971 in Bagdad geborene Autor und Literaturwissenschaftler, der seit 2002 in der Schweiz lebt, erzählt darin von einem weitestgehend unbekannten und verschwiegenen Kapitel der neueren Geschichte: der Judenverfolgung unter Mithilfe der Nazis in Bagdad, wo bis Anfang des 20. Jahrhunderts Juden, Muslime und Christen friedlich zusammenlebten. Moderatorin Luzia Stettler, empathisch und sympathisch, zeigte sich gleich bei ihrem Einstieg ins Gespräch erschüttert und beschämt über das nicht nur eigene historische Nichtwissen. Wie so oft bei Lesungen öffnete das Gespräch neue Räume, zusätzlich zu den zwei Räumen, die das Buch beinhaltet: die Faktenebene und die Fiktion. «Die Schwierigkeit war, eine Form zu finden für diese zwei Ebenen», sagte der Autor. Dazu kommen noch verschiedene Zeitebenen und Handlungsorte.  Mit einer raffinierten Dramaturgie gelingt es Al Shahmani, Spannung zu erzeugen und die Themen zu verknüpfen: Es ist eine Spurensuche, welche die Hauptfigur Gadi zuerst nach Israel und dann nach Bagdad führt, um dort die Hälfte der Asche des verstorbenen Vaters in den Tigris zu streuen und gleichzeitig nach Spuren der jüdischen Vergangenheit zu suchen. Wer war dieser Vater, den der Sohn 30 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte und der seine irakische Herkunft verleugnete, verdrängte, der sich dem Sohn erst durch hinterlassene Aufzeichnungen offenbart? Kurz: Er verkörpert «das Trauma der Vertriebenheit», das überzeitliche Schicksal eines Exilierten, der nie und nirgendwo ankommt, immer fremd bleibt.

Er liebe Flüsse, sagte der Autor, weil sie immer in Bewegung seien. In Bewegung erweiterte er gestenreich und bildhaft erzählend die Textebene, gab Auskunft über das heutige Bagdad, das er bei seinen Recherche-Reisen kaum mehr wiedererkannt hat, «aber noch finden sich Spuren der Juden in der Architektur, der Sprache und der Musik». Er erzählte von seiner Grossmutter, die Analphabetin, aber eine grosse Geschichtenerzählerin war, las von Myra, einer alten Jüdin, die versteckt in Bagdad überlebte.

Usama Al Shahmanis Bücher zeichnen sich durch lange, poetische Titel aus. Diese seien so etwas wie ein Eingang in einen Raum, ein erster Gedanke, der den Ton angebe, antwortete er auf Luzia Stettlers entsprechende Frage. Und er gestand, dass der Verlag anfänglich nicht sehr Freude hatte an diesen langen Gedankeneingängen, die inzwischen schon fast ein Markenzeichen geworden sind.

So wie der Vater in seinen Aufzeichnungen schreibend seine Wurzeln erforschte, so begibt sich auch Usama Al Shahmani in die Tiefen der eigenen Seele und der eigenen Vergangenheit: «Denn jedes Buch besteht aus einem Teil Autobiografie, verteilt auf verschiedene Figuren.» Mindestens in der Sprache gibt es ein Ankommen, «auch wenn Unrecht sprachlich nie ganz zu fassen ist», wie der Schriftsteller festgestellt hat.

Mit neuem Wissen und bereichert durch einen engagierten Auftritt verliessen die 50 Zuhörenden die literarischen Romanräume und den realen Salon 2 im Schweizerhof. Draussen vor der Tür wartete die Welt der Bildschirme, auf denen eben der Fussballmatch zwischen der Schweiz und Kanada begonnen hatte. Noch hatte die Literatur nach 90 Minuten gesiegt.

Hans Beat Achermann (Text und Bild)

 

 

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