Vom Bleiben, Reisen und Schreiben
Friederike Kretzen (links) beim Lesen, Ariane Koch beim Signieren.
Es war quasi der Auftakt zum Jubiläumsanlass vom 23. Juni, der unter dem Titel «Literarische Duette» über die Bühne im «Schweizerhof» gehen wird. Die Doppellesung mit Ariane Koch und Friederike Kretzen entstand allerdings in diesem Format auf Wunsch von Ariane Koch. Sie hatte sich gewünscht, im Doppel aufzutreten, zum Beispiel mit einer Freundin – und diese war dann niemand Geringerer als die bekannte Autorin Friederike Kretzen. Zwei verschiedene Generationen also lasen aus ihren neusten Werken, die 35jährige Ariane Koch aus ihrem mehrfach ausgezeichneten Debütroman «Die Aufdrängung», die 66jährige Friederike Kretzen aus ihrem soeben erschienenen Roman «Das Bild vom Bild vom grossen Mond». Es sind zwei anspruchsvolle Texte, und ebenso anspruchsvoll war das erhellende Gespräch darüber. Die beiden Autorinnen gingen wunderbar auf die in ihren Werken expliziten oder auch nur angetönten Themen ein. Die Kindheit spielt in beiden Büchern eine grosse Rolle: Das Kind, das die Fantasie oder die Imagination spielen lässt, ohne zu wissen dass es ein Kind ist. Beim literarischen Schreiben später dann die bewusst eingesetzte Kraft der Imagination, die den Stoff auch aus der Kindheit bezieht. Natürlich wurde dann das Hauptmotiv von Ariane Kochs «Aufdrängung» im Gespräch erläutert und weitergesponnen. Der unbenannte Gast im Roman gab Anlass, nachzudenken über unsere Rolle als Gastgeber allgemein oder zum Beispiel auch Flüchtlingen gegenüber. Wie scheinbar unpolitische Texte auch plötzlich gesellschaftspolitische Relevanz bekommen, zeigte sich im Gespräch immer wieder. Friederike Kretzen verstand es, mit ihrem grossen Bildungshintergrund immer neue Bezüge herzustellen und so neue Zugänge zu den Texten zu verschaffen. Wunderbar, wie sie das Motiv der Puppenstube aufnahm, daraus ein Plädoyer «für die Liebe zum Kleinen» formulierte, das dann auch zu einem Plädoyer für die Literatur und die Kraft der Imagination wurde: Das Schreiben ist immer auch ein Aufbruch in unbekannte Welten, eine Reise «zur imaginären Geografie», ein Erschliessen von neuen Räumen.
Fenster zu neuen Sichtweisen
Wenn man zu Besuch gehe, solle man ein Fenster und eine Lampe mitbringen, zitierte Friederike Kretzen sinngemäss einen persischen Autor. Erhellung und Erweiterung der Sichtweisen: Dahinter steckt auch eine Forderung nach mehr Toleranz. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich verunsichern lässt, Rollen in Frage stellt und Doppeldeutigkeiten zulässt. So wurden immer neue Räume gedanklich geöffnet, neue Fragen in den Raum gestellt, zum Beispiel: Ist Reisen nicht immer auch eine Form von Aufdrängung? Für die Zuhörenden und den Schreibenden stellte sich am Schluss des Abends die sich aufdrängende Frage: Wer waren jetzt die Gäste und wer die Gastgeberinnen? Die Autorinnen oder die Zuhörenden? Oder können/müssen/dürfen wir beides sein?
23. Mai 2023 - Hans Beat Achermann (Text und Bild)