Verschiebungen verschiedener Art
Moderatorin Yael Inokai und Autorin Mariann Bühler nach der eindrücklichen Lesung im «Schweizerhof».
Es gibt kurzfristige Verschiebungen und solche, die kaum wahrnehmbar sind: Zur ersten Sorte gehört, dass die Veranstaltung mit Mariann Bühler kurzfristig vom kleinen Salon 11 in den Bringolf-Saal des Hotels Schweizerhof verlegt werden musste, da das Interesse so gross war, dass am Schluss fast 100 Literaturinteressierte die Lesung der gebürtigen Luzernerin verfolgten. Verschiebungen der langsamen Art sind das Thema des Romanerstlings von Mariann Bühler. «Verschiebung im Gestein» heisst das Buch, das nur auf einer zweiten Ebene von geologischen Verwerfungen und Veränderungen handelt, vor allem aber von Gefühlsverschiebungen und Beziehungsveränderungen. Drei Menschen in einem ländlichen Umfeld sind die Hauptpersonen. Zu jeder hat Mariann Bühler eine längere Textpassage vorgelesen. Dazwischen kamen die klugen Fragen der mit der Autorin befreundeten Moderatorin Yael Inokai. Allen Figuren ist gemeinsam, dass etwas langsam an die Oberfläche kommt, was lange verborgen blieb. Wie Mariann Bühler das literarisch und somit sprachlich angegangen ist, darum drehte sich das aufschlussreiche Gespräch. Es ging um die Beziehung von Körper und Sprache, um Männlichkeit und um die Klischees vom Bauern, um das Fremdsein als Zugezogene. Zentral auch bei allen dreien, bei Alois, Elisabeth und der Du-Erzählerin, die Frage: Was ist Familie? Grosse Literatur «spielt» auch mit Leerstellen, mit Ungesagtem und Angedeutetem. Gerade darin zeigte sich im Vorgelesenen die Meisterschaft der Autorin, die völlig zu Recht für den letztjährigen Schweizer Buchpreis nominiert war. Grosse Themen sind auf das Alltägliche heruntergebrochen, auch in jedem normalen Leben spielt sich Einzigartiges ab. Wie die Autorin, die sieben Jahre an diesem Buch gearbeitet hat, ihre Alltagshelden und -heldinnen behandelt und literarisch differenziert herausgearbeitet hat, verweist auf eine grosse Humanität. Das Buch und die Lektüre sind auch eine Wahrnehmungsschule, die den Blick schärfen für das scheinbar Unbedeutende, für die langsamen Veränderungen, für die Dynamik, die in Jahrtausenden stattfindet, sich aber aufgrund menschlicher Eingriffe beschleunigen kann.
Es war ein eindrücklicher Eröffnungsabend des Literaturjahres 2025 der LGL, die diesen Abend zusammen mit der Literarischen Gesellschaft Zug organisiert hatte, und ein weiterer Beweis, dass grosse Bücher kleine Verschiebungen in den Köpfen bewirken können.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)