Sowohl Fisch als auch Vogel: «Chimäre» im Pool
Die österreichische Autorin Sarah Kuratle mit Moderator Beat Mazenauer beim Lettera im Neubad.
Über Sarah Kuratles Roman schreibt das Lettera-Programm:
«Wer bin ich, wer könnte ich sein? Zwischen labyrinthischen Wasserwelten und hängenden Gärten auf einer Insel ohne Namen erzählt der zweite Roman der österreichischen Autorin vom Zerfall alter Identitäten und dem Versuch, Natur zu bewahren. Eine Inselgemeinschaft kämpft um den Erhalt der Artenvielfalt und darum, selbst nicht unterzugehen. Im Fokus stehen Alice, die sich auf der Insel als Alois ausgibt, und Gregor, der mit seinem Trauma umzugehen versucht. Literarisch aussergewöhnlich und traumhaft dystopisch.»
Mit einem Blick zurück auf Sarah Kuratles Lesung im September 2022 aus ihrem Erstling «Greta und Jannis» bei der Literaturgesellschaft Luzern lädt deren Präsidentin Regula Jeger das Publikum, passend zum Pool im Neubad, ein, in den Roman einzutauchen.
Der Moderator Beat Mazenauer begrüsst und stellt die Autorin kurz vor: 1989 in Bad Ischl (einem idyllischen Thermalkurort) geboren, dies- und jenseits der schweizerisch-österreichischen Grenze aufgewachsen, Studium von Germanistik und Philosophie in Wien und Graz, Lyrik in den «Manuskripten».
Er spricht Sarah Kuratle auf die zahlreichen sehr positiven Rezensionen ihres Zweitlings an. Das sei beim ersten Roman viel weniger der Fall gewesen, meint sie und sie freue sich über die jetzige positive Resonanz: der Roman sei in die richtigen Hände gefallen. Sie rät zur langsamen lauten Lektüre und liest den Roman-Anfang vor, führt so in den doppelten Fokus auf die Protagonisten Gregor und Alice ein.
Gregor bemüht sich auf einer namenlosen, nicht verorteten Insel im «Kolleg» mit einer Gruppe von Menschen um den Erhalt der Artenvielfalt. Mit Hilfe von Ritualen versucht er auch, den traumatischen Missbrauch in der Kindheit – davon ist immer wieder in Andeutungen die Rede – zu überwinden. Er vermisst und zeichnet Gräser, Stauden, Bäume; diese Zeichnungen werden in die Gläser mit den Samen gelegt. Er ist es, der sich um die Vermehrung des Café-Marron-Krauts kümmert – eines in der Wirklichkeit vom Aussterben unmittelbar bedrohten Baums. Gregor – der Moderator nennt ihn eine Art ökologischen Hirten der Bewahrung – hält in seinen Zeichnungen fest, wie etwas gelebt hat.
Alice (auf der Insel als Alois auftretend), reisst sich los, fährt bei hohem Wellengang im roten Boot aufs Festland, denn «was wisse er [Gregor] schon von der Welt, auf einer Insel. […] eine Chimäre, das will sie auch sein. Wenn sie auftaucht, ein Vogel. Absinkt, ein Fisch.» Ein Mischwesen also, voller Sehnsucht, doch auch haltlos, eine Suchende.
Ob sich gerade in der Figur von Alice / Alois die Gender-Diskussion spiegle? Die Autorin meint, es sei ein zeitgemässes und zeitloses Thema, es gehe um die Erforschung, was einen Menschen ausmache.
Auch in einer zweiten Lesepassage fällt der elliptische Stil auf. Oft stehen keine Verben da, was den Lesenden Raum gibt, sie weiter beschäftigt.
Weitere Personen tauchen auf, Louise, Tera, auch Max in einer Apfelszene (welche an die Paradies-Erzählung anknüpft); das Surreale lässt an Max Ernst mit seinen Vogeldarstellungen denken. Alice und weitere Motive wie der Hase evozieren «Alice im Wunderland» von Lewis Carroll – den wunder-vollen Text, welchen Sarah Kuratle während ihres Schreibens las.
In langsamem lautem Lesen erschliesst sich eine Welt, ein Wunderland: Danke an die Schöpferin, Danke an den Fährtenleger!
Text: Felicitas Spuhler, Bild: ©Lettera (Pawel Streit)