Scharf beobachtete Unschärfen: Mazenauers Bestenliste 2023
25 Buchneuheiten in zwei Stunden: Alle Jahre wieder stellt der Literaturvermittler Beat Mazenauer Ende Jahr seine Bestenliste vor.
Gleich zum Einstieg knüpfte er an die Schweizer Buchpreis-Verleihung an. Der Preis ging bekanntlich an den 80jährigen Christian Haller, der für seine Novelle «Sich lichtende Nebel» (und wohl ein bisschen auch für sein Lebenswerk) ausgezeichnet wurde. Haller überträgt den physikalischen Begriff der Unschärfe in Literatur, und genau an diesem Begriff orientierte sich auch Mazenauer. Eine ganze Reihe der vorgestellten Bücher spielen in Inhalt oder Sprache mit dem, was nicht eindeutig ist, mit doppeltem Boden oder sprachlichen Mehrdeutigkeiten. Ein erstes und eindrückliches Beispiel dafür ist Beispiel ist die Erzählung von Toni Morrison, die den Leser, die Leserin im Ungewissen lässt, welche der beiden Protagonistinnen nun schwarz und welche weiss ist. Auch bei Sarah Elena Müllers «Bild ohne Mädchen» wird man im Ungewissen gelassen, was denn genau im Nachbarhaus passiert ist. Interpretationsspielraum gibt es selbstverständlich und gattungsbedingt auch bei der Lyrik: Wohl die wenigsten der rund 50 Anwesenden dürften etwas von Angelika Rainers «Zweckbau für Ziegen» gehört haben, das Mazenauer ungefragt vom Verlag zugesandt erhalten hat und das ihn ganz offensichtlich begeistert hat. Begeisterung und Leidenschaft: Die beiden Begriffe durchzogen den anregenden Abend, an dem wie immer bei Mazenauer nicht der Mainstream rezipiert wurde, sondern «Randständiges“ ins Zentrum rückte. So gehörten auch Bücher dazu wie Corinna S. Billes «100 kleine Schauergeschichten» oder ein Band mit poetischen Nachrufen auf einsam verstorbene Menschen. Dass der Literaturbegriff ins Wanken und damit auch ins Unscharfe kippen kann, zeigte Beat Mazenauer anhand eines Romans von Hannes Bajohr, der mit dem Sprachprogramm Chat GPT erzeugt wurde. Dieser zeigt aber auch die Grenzen der künstlichen Intelligenz auf, die sich durch Inzucht und Überfütterung wieder selbst auflöst. Genau dort kann die menschliche Kreativität wieder einsetzen und wunderbare Bücher hervorbringen, solche, die vielleicht zu den besten des Jahrgangs gehören. Auch diese Ungewissheit gehört zum Geschäft des Schreibens. Wenigsten für kurz standen die ausgewählten Bücher im Mazenauerschen «Lichtkegel», jenem Phänomen, das Ausgangspunkt ist von Christian Hallers Novelle.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)