Rückblick auf die schöne Aussicht
Der Horváth-Lesezirkel im Hotel Beau Séjour. Mittendrin Schauspieler Wolfram Berger (Vierter von rechts), der bei der Uraufführung 1969 von «Zur schönen Aussicht» mitgespielt hatte.
Was für ein Stück, dieses «Zur schönen Aussicht» von Ödön von Horváth. Obwohl bereits 1926 geschrieben, wurde es erst 1969 erstmals aufgeführt, und jetzt wurde die Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist, am Luzerner Theater gespielt. Die LiteraturGesellschaft hatte dazu einen Lesezirkel ausgeschrieben:Drei Frauen und drei Männer hatten sich daraufhin gemeldet zum Lesen, zum Diskutieren und zum gemeinsamen Besuch des Stücks. Sie vertieften sich in Horváths Bildungsjargon, sprachen über seine Frauenfiguren und seine Haltung dem sich anbahnenden Nazitum gegenüber und über vieles andere. Am zweiten Abend im Hotel Beau Séjour bereicherte Dominik Busch, der die Produktion am LT dramaturgisch begleitete, die Gesprächsrunde mit vertieften Einblicken in die konkrete Theater(vor)arbeit, gab Auskunft über die Zusammenarbeit mit Regie und Schauspieler*innen. Für den dritten Abend hatte Moderator Hans Beat Achermann den gebürtigen Grazer Schauspieler Wolfram «Wolfi» Berger eingeladen, der bei der Uraufführung des Stücks 1969 in Graz den Karl gespielt hatte und später die Komödie selber auch inszenierte. Erinnerungen und Anekdoten aus dem langen Theaterleben Bergers vitalisierten die Auseinandersetzung mit Horváth, darüber hinaus war es eine Begegnung mit einem Stück Theatergeschichte und mit einem Menschen, dessen Leidenschaft für Sprache und Bühne in jedem Satz spürbar wurde. Eine kurze Lesung des Anfangs von Horváths «Der ewige Spiesser» und von einem Gedicht Gerhard Meiers krönten den Abend. Den Abschluss des Lesezirkels bildete der Besuch der Aufführung in der Box und die anschliessende Gesprächsrunde mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, die nochmals neue Aspekte hervorbrachte.
Gerne werden wir diese Form der Zusammenarbeit mit dem Luzerner Theater auch in Zukunft weiter pflegen. Die Lesezirkel erweitern die Sicht durch Begegnungen und Zusatzinformationen und vor allem auch durch lebendigen Austausch über die individuelle Lektüre hinaus. Bald schon gibt es die Möglichkeit, sich in Heinrich von Kleists «Amphytrion» zu vertiefen (Ausschreibung im nächsten Newsletter).