Rudernd und reisend den Vater erfinden
Moderator und Vorlass-Verwalter Rudolf Probst (links) im Gespräch mit «seinem» Autor Hansjörg Schertenleib.
Es war ein doppelter Einblick, den Hansjörg Schertenleib den rund 40 Literaturinteressierten im Schweizerhof bot: Einerseits den Einblick in das fertige Romanprodukt, den Roman «Im Schilf» in Form einer kurzen Lesung, andererseits den Einblick in den literarischen Schaffensprozess, der vor über 40 Jahren begann. Rudolf Probst, der Schertenleibs «Vorlass» im Schweizerischen Literaturarchiv betreut und erschliesst, befragte den 65-Jährigen mit feinem Humor nicht nur zum neusten Werk, sondern auch zu den Anfängen des Schreibens. Der gelernte Schriftsetzer gestand, dass er schon während der Lehre davon träumte, nicht nur fremde Texte mit dem Winkeleisen in die Bleisatzkästen zu setzen, sondern Selbstgeschriebenes. Schreiben sei für ihn immer auch Handwerk gewesen, nicht nur akademische Kopfarbeit, «action writing», spontanes und intuitives Dahinschreiben, das aber beim Schreiben durchaus einen Gestaltungsprozess durchläuft. Der Stoff des neusten, des 27. Buches von Schertenleib ist sehr autobiografisch grundiert. Anlass war der Tod seines Vaters, der ihm kein rechter Vater war, weshalb er sich als «falscher Sohn» fühlte. Die Literatur sei eine Möglichkeit, Wahrheiten neu zu setzen, den Vater neu zu erfinden (und so auch einen Akt der Versöhnung und der Befreiung einzuleiten). Raffiniert setzt Schertenleib dem Vater des Ich-Erzählers einen «Gegenvater» gegenüber: Max, den ehemaligen Schwiegervater, der ihm zum väterlichen Freund wurde. «Im Schilf» ist eine Row und Road Novel, rudernd und reisend werden Vergangenheit und Gegenwart verknüpft. In der Natur am Sihlsee und in Irland (wo der Autor selber viele Jahre lebte) spiegeln sich die Gefühle, es ist sein «romantisches Erzählprinzip», das zu wunderbaren Naturbeschreibungen führt. Die grosse und anhaltende Liebe zu Irland, zu den Menschen dort und zur Landschaft, war auch im Gespräch immer wieder Thema, brachte manche Anekdote zu Tage. Nicht fehlen durften kleine Seitenhiebe gegen den heutigen Literaturbetrieb, doch diese wurden gleichsam abgemildert durch eine wohltuende Selbstironie. Und dann verriet Schertenleib, der Vielseitige, auch noch etwas über sein nächstes Projekt: Ein Mundartroman soll es werden, nicht nur selbst geschrieben, auch selber gestaltet und mit einem selbst verfassten Klappentext. Der «aus der Zeit Gefallene» kehrt wenigstens teilweise zu den Anfängen zurück und wird uns zweifellos überraschen mit neuen «eskapististischen Möglichkeiten der Literatur».
Hans Beat Achermann (Text und Bild)