Rebekka Salm: Hakenschlagende Geschichten
Geschichten erzählen, deren Wahrheit aber schleichend und subtil wieder in Frage stellen: Das ist die poetologische Methode in Rebekka Salms neuestem, dem zweiten Roman «Wie der Hase läuft». Wie ihr dieses literarische Hakenschlagen meisterhaft gelingt, zeigten die Lesung und das Gespräch mit Angelika Overath bei der letzten LGL-Veranstaltung vor der Sommerpause.
In einer ausführlichen Einleitung stellte Angelika Overath «die kometenhaft aufgestiegene Baselbieter Autorin» und ihr neustes Buch vor, hob hervor, wie Rebekka Salm «aus der dörflichen Binnenexotik mit einer wilden Stimme grosse Themen» hervorzaubere. Die beiden längeren Lesungen bestätigten die Ankündigung: Hier ist eine neue Stimme zu hören, die mit Raffinesse und Klugheit die Lesenden mit ihrer Geschichte buchstäblich verführt, in 34 Kapiteln hineinzieht in ein Gesamtbild, das sich dann am Schluss als Trugbild erweist. Zusammen mit der Autorin setzen wir ein Puzzle zusammen, die einzelnen Teile sind durchaus glaubwürdig und faktenbasiert, aber stimmt das Ganze tatsächlich? Ist es die Wahrheit oder haben wir uns diese nur «zusammengebastelt»: «Komplett allein muss noch nicht wahr sein», hat Rebekka Salm im Gespräch gesagt.
Ausgangspunkt dieses raffinierten Spiels mit «Story und History» ist eine Familiengeschichte, in der es «Löcher» gibt, Ungesagtes, Verschwiegenes, auch nicht mehr Erfahrbares. «Müssen wir überhaupt alles wissen und können wir sicher sein, dass alles stimmt, was wir zu wissen glauben?» Grosse Fragen, die Rebekka Salm nicht philospohisch-theoretisch abhandelt, sondern in Geschichten umsetzt. So wie der Hase als Leitmotiv Haken schlägt, funktioniert auch unser Erinnern: Täuschungen sind inbegriffen, ebenso Verklärungen und Gedächtnislücken. Das alles passiere vermutlich in jeder Familiengeschichte, denn «wir sind alle nicht so heilig, wie wir vielleicht glauben». Gerade deshalb liebe und verstehe sie ihre Figuren, sagte Salm.
Dass Rebekka Salm auch im mündlichen Erzählen zu begeistern vermag, zeigte sich im angeregten Gespräch zwischen und nach den vorgelesenen Textstellen. Charmant, wortgewandt und humorvoll sprudelte es aus der Autorin. Dahinter stecke ein «Geschichten generierender Blick», bemerkte treffend die Moderatorin. Rebekka Salm nahm das Kompliment dankend auf und erwiderte, sie werde es in ihr Tagebuch notieren. Neben dem Tagebuch schreibt sie bereits an einem weiteren Roman. Dieser werde linearer sein als der hakenschlagende Zweitling. Er spiele auf dem Flughafen, es gehe ums Abschiednehmen von einer dementen Person, die nach Thailand auswandere. So viel mochte sie verraten.
Und dann nahmen wir in der Schweizerhof-Lobby Abschied von einer jüngeren Autorin, die zurück an ihren Wohnort, die Kleinstadt Olten, reiste, wo zweifellos weitere Geschichten warten. Und wir warten gespannt auf das nächste Werk, immer noch mit der Frage im Kopf: Machen wir die Geschichten oder machen die Geschichten uns?
21. Juni 2024 – Hans Beat Achermann (Text und Bild)