Peter Stamm: Nicht machen, sondern finden
Peter Stamm (links), zusammen mit Moderator Beat Mazenauer.
Mit grosser Freude eröffnet die LGL ihr 11. Jahr mit Peter Stamm, einem der bekanntesten Schweizer Schriftsteller. Im Fokus des Gesprächs, kompetent und mit neugieriger Empathie moderiert von Beat Mazenauer, stehen drei Werke: der 2023 erschienene Roman «In einer dunkelblauen Stunde», der Dokumentarfilm «Wechselspiel – wenn Peter Stamm schreibt» und die am Vortag erschienene Poetikvorlesung «Eine Fantasie der Zeit»; welche Chance, den Roman und gleichzeitig zwei Making-ofs vorgestellt zu bekommen!
Zum Einstieg präsentiert Beat Mazenauer eine eindrückliche Liste von Tätigkeiten des Autors, von «Anglist, Architekt, Archivar» bis «Werbetexter, erfolglos». Tätigkeiten von Peter Stamm, aber auch jene seiner Figuren, was im Verlauf des Gesprächs teilweise aufgedröselt wird. Der Moderator folgt der Liebe Peter Stamms für Listen, welche in ihrer Schlankheit zeigten, wie wenig es für Literatur braucht.
Die Lesung des Romananfangs lässt uns eintauchen in die Figurenkonstellation: Über den schreibenden Protagonisten wird ein Film gedreht, nach den Szenen in Paris und Trouville befinden sich die Filmleute, Andrea (die Ich-Erzählerin) und ihr Kameramann Thomas, im Heimatort von Richard Wechsler (und Stamm): Weinfelden. Auf ihre Hauptperson wartend knüpfen sie Kontakte zu Menschen, welche in Wechslers Anfängen eine Rolle spielten, zum Beispiel zur jetzigen Pfarrerin Judith, einer Jugendliebe.
Die Poetikvorlesung erklärt, wie sich das alles entwickelt hat. Ob nicht die Gefahr bestehe, dass der Protagonist mit dem Autor verw e c h s e l t werde? Das sei kein Problem, meint Peter Stamm , weil jene, die ihn kennten, wüssten, dass Wechsler nicht Stamm sei, und für die grosse Mehrheit der Lesenden spiele das keine Rolle.
Wie sich seine Figuren entwickeln? Sie müssten sich selbst entwickeln in seinem Kopf, vielleicht ähnlich wie bei einem Schauspieler, der in andere Leben schlüpft.
Das relativ konsistente Milieu in seinen Texten erklärt Peter Stamm damit, dass er über das schreiben müsse, was er kenne oder wozu er einen Zugang habe. Diese Konstanz wertet Peter Stamm als Beweis dafür, dass er da sei, wo er sein müsse; er rede lieber mit der eigenen Stimme.
Wieviel Wahrheit ist im Dokumentarfilm? Erstaunlich viel – ein Spiel von Ebenen wie in seinen Büchern. Im Film spielt Peter Stamm nicht, beantwortet auch die Fragen im Interview ernsthaft.
Das Scheitern sieht der Autor als Teil der künstlerischen Entwicklung. Mit 20 stellte er sich vor, grossartige Bücher zu schreiben, merkte aber bald, dass er gar nichts mitzuteilen hatte. In der Zeit bis 35 war er auf anderen Gebieten erfolgreich, unter anderem als Journalist und «Nebelspalter»-Autor.
Zurück zum Roman: Im Gegensatz zu Texten von andern Autor:innen, wie z.B. Judith Kuckart, montiert Peter Stamm seine Texte nicht, sie entwickeln sich aus einem Samen, wie ein Körper. Der erste Satz, einmal gefunden, bleibt immer stehen, die Form bekommt der Text im Wachstum. Im vorliegenden Roman spielt der Zufall eine stärkere Rolle als je zuvor. Aus produktiver Langeweile, aus Momenten von Leere entstehen Ideen. Kern seiner Dankesrede für den Solothurner Literaturpreis: «Literatur kann die Wirklichkeit nicht ersetzen, aber sie kann – für mich als Autor und für meine Leserinnen und Leser – ein Instrument sein, ein Hilfsmittel, die Wirklichkeit klarer zu sehen. Das Sehen jedoch kann die Literatur uns nicht abnehmen.» «Eine Fantasie der Zeit», S. 76
Schreiben darf Spass machen, Lesen darf Spass machen, so Peter Stamm. Das beweist aufs Schönste die Passage aus dem Erstlesebuch «Theo und Marlen auf der Insel».
Auch erfreulich: Es scheint sich ein Zugang zu öffnen zu einem Projekt, an dem Peter Stamm schon ein Jahr «herumdoktert».
Ermutigung: «Schreiben ist zwecklos. Lesen ist zwecklos. Finden wir uns damit ab, und tun wir es trotzdem. Oder umso mehr.»
Regula Jeger, Präsidentin der LGL, gibt dem zahlreichen und begeisterten Publikum diesen Schluss von Peter Stamms Eröffnungsrede des Festivals Zürich liest 2015 mit auf den Weg.
Felicitas Spuhler (Text), Marco von Ah (Bild)