Perspektiven wechseln, verbinden, erweitern
Pablo Haller (links) und Tomer Gardi diskutieren im schnellen, bewegenden Gespräch unter anderem über die Aufgabe der Literatur, auch das nicht Wahrgenommene sichtbar zu machen.
«Liefern» heisst Tomer Gardis aktueller Roman. Pablo Haller liefert dazu in einem sehr dichten Intro zur Lesung mit dem Autor das Wesentliche des Werks: Der Titel klinge erst einmal einfach: «Liefern. Hinfahren. Klingeln. Abgeben. Weiterfahren. Aber schnell wird klar: Geliefert wird in diesem Roman nicht nur Essen. Geliefert werden Arbeitskraft, Sprache, Geld, Hoffnung, Familiengeschichte, manchmal ganze Lebensentwürfe.» Und Haller betont: «Liefern ist ein Roman, der nicht nur von Bewegung erzählt, sondern selbst dauernd in Bewegung ist.» Bewegung bestimmt das ganze Gespräch zwischen dem an diesem Abend abermals äusserst versierten Moderator einer LGL-Lesung und Tomer Gardi, 1974 in Galiläa geboren, heute in Berlin lebend.
Dieser recherchierte für seinen Roman, einem dichten Gewebe an Geschichten über Riders, die «mit einem kubischen Globus auf dem Rücken», abhängig von einer App, von Algorithmen, Ratings, bei Tag und Nacht, durch Wind und Wetter, auf Mopeds und E-Bikes, unterwegs im globalen Liefernetz sind und Essen sowie Einkäufe ausliefern, in Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Buenos Aires, Berlin und im kenianischen Naivasha.
Tomer Gardi wird mit «Liefern» seinem Anliegen gerecht, wonach Literatur auch da sei, um das nicht Wahrgenommene sichtbar zu machen. Der Moderator lobt ausdrücklich, dass Tomer Gardis Tonalität nie «moralinsauer» werde, selbst wenn der Autor die Ausbeutung seiner Protagonisten schildere. «Moralinsauer?» wiederholt dieser spontan, offensichtlich Gefallen findend am Wort und mit breitem Lachen fragend: «Darf ich es in meinem nächsten Roman verwenden?» Auch daraus entwickelt sich ein schneller, packender Dialog, namentlich über die dezidierte Wortwahl im Roman, in dem der Autor einen Miele-Geschirrspüler als «gezähmten Monsun. Made in Germany» bezeichnet und Heiratsbeziehungen, eingegangen für den Erhalt eines Visums oder einer Aufenthaltsbewilligung, «Bürokratisierung der Liebe» nennt. Immer wieder beobachtet er «die Menschen dazwischen», sogar im «Zwischen Dazwischen».
Der Autor, dessen Romandebüt «Broken German» als Plädoyer für sprachliche Regelbrüche und das nicht Normierte verstanden werden kann, beweist auch beim Lesen ausgewählter Textstellen, wie wichtig ihm die Vielfalt der sprachlichen Gestaltung, notabene nicht in seiner Muttersprache, immer noch ist. Im Augenblick des Lesens verleiht er dem Text nochmals eine weitere Dimension, einen ganz eigenen Sound.
Pablo Haller will wissen, ob Tomer Gardi Sprache eher als Heimat oder Baustelle betrachte. Heimat auf keinen Fall, antwortet der Autor. Sprache erlebe er als Ausdruck eines Dranges, einer inneren Unruhe. Wohin dies führen würde, wusste der Autor während seiner Recherche an den sechs Schauplätzen seines Romans noch nicht, wie er als Antwort auf eine Frage aus dem mehrfach miteinbezogenen Publikum erklärt. Aber er war überzeugt, dass sie Identität schaffen könne.
Er verrät den Anwesenden, wie er seine Idee umsetzte, die Romanteile miteinander zu verknüpfen; indem er beispielsweise den in Tel Aviv arbeitenden Filmon aus Eritrea mit dem Kapitel vernetzte, das seinen Berufskollegen in Berlin gewidmet ist, aber auch Raum lässt für die Geschichte von Daniat und Izzi, Ehefrau und Tochter von Filmon, die bereits seit zehn Jahren in der deutschen Metropole leben und auf Ehemann und Vater warten.
Tomer Gardi versteht es nicht nur Perspektiven zu wechseln, sondern diese auch zu verbinden und zu erweitern. «Liefern» liefert dafür meisterhafte Beispiele. Der Roman ist darum, wie eingangs erwähnt, «in Bewegung», vor allem jedoch ist er bewegend.
(Text: Regula Jeger/Marco von Ah, Bild: Barbara Wittmer)
TV-Tipp:
«Liefern» von Tomer Gardi wird auch im kommenden Literaturclub des Schweizer Fernsehens SRF (Erstausstrahlung am 9. Juni 2026, 22.25 Uhr) besprochen.