Meral Kureyshi: «Ich liebe es zu kürzen»
«Ich denke nicht chronologisch»; «Erinnern ist keine Wahrheit»; «Ich kann nicht leise schreiben»; «Wie lange dauert ein Gedanke?»: Es sind Sätze, die im Gespräch mit Meral Kureyshi anlässlich ihrer Lesung im Schweizerhof gefallen sind. Sie weisen alle auf den Schreibprozess hin, in den sich Kureyshi jeweils begibt, so auch bei ihrem dritten, zuletzt erschienenen und jetzt für den Schweizer Buchpreis nominierten Roman «Im Meer waren wir nie». Noch bevor sie die ersten Seiten des Buchs las, stellte Moderator Cédric Weinmann die Frage nach der momentanen Beziehung zum Buch, das jetzt schon ein paar Monate und in fünfter Auflage auf dem Markt ist. Es sei jedesmal wieder ein Hineinspringen in einen fremden Text, antwortete die 42-jährige Autorin. Und dann sprang sie hinein, tauchte wieder auf, um sich den klugen Fragen des Moderators zu stellen. Zum Beispiel dieser: Welche Beziehung sie zur Ich-Erzählerin habe, zum autofiktionalen Teil der Geschichte. Die Ich-Erzählerin sei so etwas wie eine Kameralinse, durch die sie gucke, ein Mittel zum Zweck. Es sei in jeder Figur etwas von ihr drin, nicht nur in der Erzählerin, sondern vor allem in den generationenübergreifenden Frauenfiguren. Denn die Männer sterben vorzeitig und spielen im Roman nur eine Nebenrolle. Und auch Lili, die im Altersheim lebt, stirbt gleich am Romananfang, bevor ihre Geschichte erzählt wird. Und das ist durchaus Absicht. «Wenn ich alles schon am Anfang verrate, verschafft mir das Freiheit für den Fortgang der Geschichte.» Die Spannung muss also auf andere Weise erzeugt werden, und das macht die Autorin höchst gekonnt, nicht nur durch die Form der Perspektivenwechsel und durch die «Vergabelungen», sondern auf der inhaltlichen Ebene durch die verschieden angelegten Dreiecksbeziehungen, die sich immer wieder verschieben. Es sei «die Elastizität der Beziehungen» zwischen den Frauenfreundinnen und dem jungen Eric, welche sie interessierten. Sie betonte, dass sie die Frauenfreundschaften keineswegs idealisieren, sondern auch das Nervige und Unangenehme in den Beziehungen zur Sprache bringen wollte. Interessant war auch die Aussage, dass das Buch genauso gut von hinten nach vorne gelesen werden könnte. Die erste Romanfassung umfasste rund 2000 Seiten, übriggeblieben sind noch 210: «Ich liebe es zu kürzen.»
Ein Höhepunkt war der abschliessende Vortrag eines noch unveröffentlichten Textes. In der poetischen Verdichtung und Rhythmisierung von unmittelbar im Gehen Erlebtem und Gesehenem zeigte sich das ganze Können dieser Autorin. Meral Kureyshis Lesung und ihre Überlegungen zum Schreiben waren ein lebendiger Beweis für die höchst gerechtfertigte Nomination für den Buchpreis.
Und gerne verrate ich noch, was Meral Kureyshi mir ins Buch als Widmung geschrieben hat, denn darin zeigt sich nochmals verdichtet ihr poetologisches Credo: «Schön, eine Geschichte zu teilen, plötzlich wird die grösste Lüge wahr.»
20. September 2025 / Hans Beat Achermann (Text und Bild)