Meditieren mit den Füssen am Fusse des San Salvatore
Claudia Quadri liest, Ruth Gantert hört aufmerksam zu.
Es sind jeweils die kleinen, feinen Abende, wenn die LGL eine Autorin, einen Autor von jenseits des (schweizer)deutschen Sprachraums zu Gast hat. So begrüsste LGL-Präsidentin Regula Jeger diesmal die Tessiner Autorin und Filmregisseurin Claudia Quadri. Die in Lugano wohnhafte Quadri erhielt dieses Jahr bereits zum zweiten Mal den Schweizer Literaturpreis des Bundesamts für Kultur BAK für ihren neusten, diesmal autobiografischen Roman «Infanzia e bestiario». Ruth Gantert, die äusserst versierte und blitzschnell zusammenfassende und übersetzende Moderatorin der zweisprachigen Lesung, stieg gleich mit der Frage nach dem Unterschied zwischen dem Filmemachen und dem Schreiben ins Gespräch ein. Der Film als Teamarbeit brauche viel mehr Organisation und Planung, während das Schreiben einsame Arbeit und ein offener Prozess mit ungewissem Ausgang sei, so Claudia Quadri.
Der erste Teil der Lesung war dem Roman «Suona, Nora Blume» (deutsch: «Spiel, Nora Blume») gewidmet. Es ist die Erzählung über eine etwas forsche und frustrierte Klavierlehrerin, die ihrer Schüler eigentlich überdrüssig ist. Doch während neben ihrem Garten ein Neubau hochgezogen wird, fallen langsam die inneren Mauern, hinter die sie sich zurückgezogen hat. Lächelnd gestand Quadri, dass die erfundene Nora Blume nicht ganz frei von eigenen Charakterzügen sei. Viel Metaphorik und Witz zeichnen die Geschichte aus, in der bereits ein Hund eine wichtige Rolle spielt.
Ein Hund namens Wisky bekommt dann im neusten Werk eine zentrale Rolle. In «Infanzia e bestiario» begleitet ein Hund namens Wisky die erzählende «Anthropologin» auf ihren Spaziergängen rund ums Familienhotel in Lugano-Paradiso am Fusse des San Salvatore. Es ist eine Suche nach verlorener Zeit mit dem frischen, neugierigen Blick eines Kindes. Das Buch ist aber auch die melancholische Chronik über Veränderungen und über den Verlust der Vielfalt, zum Beispiel in der Tierwelt. Auch in diesem neuen Buch setzt die Autorin viel subtile Metaphorik ein, um den Wandel sichtbar zu machen. Spazieren sei «Meditieren mit den Füssen» hat Claudia Quadri gesagt. Das genaue Hinschauen widerspiegelt sich auch in der bildhaften, präzisen und facettenreichen Sprache dieser Momentaufnahmen. Paradiso ist nicht mehr das Paradies aus der Kindheit und die Kindheit als Kind von vielbeschäftigten Hoteliers war nicht nur ein Paradies.
Zum Schluss des sehr eindrücklichen Abends betonte Claudia Quadri, wie wichtig es für die Schreibenden aus den sprachlichen Minderheiten ist, dass ihre Bücher in die andern Landessprachen übersetzt und zur Kenntnis genommen werden. Der Lesung mit Claudia Quadri und Ruth Gantert hat gezeigt, dass «Ausflüge» in andere Sprachregionen äusserst bereichernd sind und dass – in diesem Fall – das Interesse an Schweizer Literatur nicht am Gotthard stecken bleiben darf.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)
18. Oktober 2024