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«Marschieren»: Grosses Kino für eine Wiederentdeckung

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Herausgeber Charles Linsmayer, Schriftsteller Heinz Stalder und Moderator Manfred Papst (von links) bei der Vorstellung von Heinz Stalders Roman «Marschieren» im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof. (Foto Emanuel Ammon/AURA)

«Ehre, wem Ehre gebührt»: So eröffnete LGL-Präsidentin Regula Jeger den Abend im vornehmen Zeugheersaal im Schweizerhof. Die Ehre galt ganz Heinz Stalder, dem 87-jährigen Autor aus Kriens und seinem Roman «Marschieren», dessen Wiederentdeckung bzw. Neuauflage vor über 100 Literaturinteressierten gefeiert wurde. Schon das prominent besetzte Podium im Zeugheersaal zeugte davon, dass hier ein Autor und ein Werk bejubelt wurden, das 1984 ein Solitär war in der Schweizer Literaturlandschaft. Charles Linsmayer, der Wiederentdecker und Herausgeber der Neuauflage, Robert Hunger-Bühler, begnadeter Rezitator, Manfred Papst, freundschaftlich verbundener Fragesteller, sie alle zeigten dem gebürtigen Berner Autor Heinz Stalder ihre Begeisterung. «Wie ein Mahlstrom» sei «Marschieren» und Stalder ein Figurenautor, der in die Menschenseelen hineingehe, sagte Hunger-Bühler und bekannte, dass er den Roman ohne Marschhalt gelesen habe, quasi durchmarschiert sei. Dass der Text stark vom Rhythmus lebt, zeigte sich beim Vorlesen von Hunger-Bühler, der die Zuhörenden mitriss in diesen Mahlstrom, in das Vorwärtsgehen und in die Sinnlichkeit der Sprache. Um Sprache geht es auch inhaltlich bei «Marschieren», der von einem handelt, der plötzlich nach jahrelangem Verstummen an der Seite seiner Frau die Sprache wiederfindet, eine «ruhelose Selbstentäusserung», wie Linsmayer sagte, doch das gelingt ihm nur, indem er die Frau erwürgt. Ein Femizid. Einzigartig am Text ist, dass alles in indirekter Rede daherkommt, kein Ich-Roman, kein Monolog, sondern distanziertes Erzählen, abschweifend, erinnernd, reflektierend. Das Stilmittel der indirekten Rede sei einzigartig gewesen bei der ersten Romanveröffentlichung bei Nagel&Kimche 1984. Der stilistische Vergleich mit Dorothee Elmigers 40 Jahre später erschienenem Roman «Die Holländerinnen» wurde gezogen, aber auch Thomas Bernhards atemlose Prosa liegt nahe.

Heinz Stalder, seit 60 Jahren verheiratet, betonte, dass es im Buch keine biografischen Bezüge gebe. Ihn hätten Geschichten interessiert, wie er sie in seinem Geburtsort, dem bernischen Allenlüften, immer wieder gehört habe, Dorfklatsch. Den grössten Teil des Buches hat er in Formentera geschrieben, ohne Konzept, ruhelos und vorwärtsdrängend. Obwohl er Auszeichnungen für den Roman erhielt, über 30 Mal zu Lesungen eingeladen wurde, blieb der Roman damals am Rande des Betriebs, vielleicht auch, weil er nicht wie Stalders erster Roman bei Rowohlt in Deutschland erschien. Das soll sich jetzt ändern mit der Neuauflage in der Reihe Reprinted by Huber im Kampa-Verlag. «Wir haben jetzt das Lektorat nachgeholt», sagte Linsmayer, wobei die Substanz erhalten geblieben sei. Keine Aktualisierungen gibt es, einzig die Frau bekommt mehr Raum und Zwischentitel wurden gesetzt. «Das Buch wurde perfektioniert», fand Linsmayer. Wieso er in seinen weiteren Werken nicht beim Stil von «Marschieren» geblieben sei, wollte eine Zuhörerin wissen. «So ein Buch schreibt man nur einmal», waren sich alle auf dem Podium einig. Was aber das Inhaltliche betrifft, die Radikalität, hätte sich Linsmayer durchaus eine Fortsetzung gewünscht. «Was hast du später nur für harmlose Bücher geschrieben», habe ihm Linsmayer in einem Brief geschrieben, bekannte Stalder. Auf dem täglichen Schulweg in Kriens, als Lehrer ins Gabeldingen hinaufmarschierend, seien ihm halt nicht mehr solche radikalen Geschichten zugefallen, antwortete Heinz Stalder. Aber ein Buch veröffentlicht zu haben, das als Solitär gilt, ist ja auch nicht schlecht. Die Veranstaltung hat den Rang dieses Werks mehr als bestätigt.

28. August 2026 - Hans Beat Achermann (Text)

LiteraturGesellschaft Luzern

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