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Literatur (fast) ohne Hintergedanken

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Zwei, die sich bestens verstehen: Schriftsteller Matthias Zschokke und Literaturkritiker Manfred Papst.

Sie sassen zum ersten Mal gemeinsam vorne bei einer Lesung: Matthias Zschokke, in Berlin lebender Schriftsteller, und Manfred Papst, pensionierter Kulturchef der «NZZ am Sonntag», der mit einfühlsamer Neugier Fragen stellte und ins Werk einführte, insbesondere in Zschokkes neusten Roman «Der graue Peter».

«Literatur ist das, was in der Zusammenfassung verloren geht», hat Papst in einer seiner Kolumnen geschrieben. Durch die Lesung und das Gespräch wurde also Verlorenes an diesem Abend sicht- und hörbar gemacht. Motive und Themen wurden aufgedröselt. Erlebbar wurde so ein komplexes Werk, auch wenn der Autor gerade die Einfachheit betonte. Schon beim Schreiben sei es ihm wichtig gewesen, diesmal eine Geschichte zu erzählen ohne das Mäandrierende, das frühere Bücher auszeichnete. Doch gerade durch diese formale Absicht sind die Leserinnen und Leser herausgefordert, und auch die Geschichte selbst führt zu dauernden Irritationen. Das Unerwartete beginnt schon in den ersten Sätzen, als dem grauen Peter mitgeteilt wird, dass sein Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Er regiert nicht mit Bestürzung, sondern mit Bagatellisierung und Verdrängung. Aber wissen wir, wie wir selber reagieren würden in einer Extremsituation? Wir glauben bloss zu wissen, wie man regieren müsste.

Der Autor spielt virtuos mit Erwartungshaltungen, um gerade diese zu unterlaufen. Was passiert zwischen dem grauen Peter und dem achtjährigen Zéphyr mit der orangen Schwimmweste, der ihm durch einen Zufall für eine Eisenbahnfahrt anvertraut wurde? Schon ertappen wir uns bei Hintergedanken.

Zschokke zelebriert eine Kaskade von teils absurden Einfällen, entwickelt Geschichten aus Geschichten, der graue Peter gewinnt zunehmend an Farbe. Im Gespräch vergleicht er seine Schreibmethode mit Fischli/Weiss’ Film «Der Lauf der Dinge». Das eine ergibt sich aus dem andern, will aber nicht mehr sein, als was es vorgibt. Literatur ohne Hintergedanken. Doch wir als Lesende, die den Text erst vervollständigen, müssen uns immer wieder lösen von vorschnellen Einordnungen und Vorurteilen. Was bleibt, ist dann eben nicht die Zusammenfassung eines durchschnittlichen Lebens, sondern ein literarischer Balanceakt, leichtfüssig und tiefsinnig, einfach und komplex, ernst und ironisch. Kurz: ein Text, den nur menschliche Intelligenz hervorbringen kann.

Hans Beat Achermann (Text und Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

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