Literatur aus dem Dazwischen
Vincenzo Todisco und die Geschichte vom «Geschichtenabnehmer».
«Über die Macht des Erzählens» könnte die Überschrift über diese Besprechung der Lesung von Vincenzo Todisco aus seinem neusten Buch «Der Geschichtenabnehmer» auch lauten. Denn die eigentliche Hauptfigur dieses Buches ist das Erzählen, die Weitergabe von Geschichten. Die erste Geschichte, die er auf die Frage nach der eigenen Kindheit von Moderator Beat Mazenauer erzählte, stammte allerdings nicht aus dem Buch, sondern bildete die Brücke zu Luzern. Todisco lebte als Kind fünf Jahre an der Ecke Basel-/Bernstrasse, als Sohn eines süditalienischen Kellners, der im Luzerner Nobelhotel «Palace» arbeitete, die Mutter stammte aus der Emiglia-Romagna. Die Welt der Reichen und die Welt der Armen prägten die frühen Jahre, nach Luzern auch in St. Moritz. Zwei Welten sind es auch, in denen der Geschichtenabnehmer Nerì zuhause ist, wenn er als Kind die letzten Erzählungen von Sterbenden anhört. Die Dorfbewohner hatten ihn auserwählt, letzte Geheimnisse abzunehmen. Auch hier: eine Zwischenwelt in der Todeszone. Das Dazwischen spielte auch im weiteren, sehr aufschlussreichen Gespräch eine bedeutsame Rolle: Todisco selbst bewegte sich immer wieder zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen, Landschaften. Gerade aus diesem Dazwischen bezieht er seine Stoffe. Als klassischer Secondo hörte er zwar die Geschichten seiner Eltern, konnte sie aber nicht verorten. Zwar verbrachte er viele Ferienwochen im Heimatort seiner Mutter (der als Modell für das fiktive Gruma diente), Vaters Apulien hingegen war zu weit weg. An diesem Punkt fängt die Imagination an, das Erfinden von Geschichten. So ist auch die Geschichte des Geschichtenabnehmers pure Erfindung und trotzdem vermittelt Todisco eine Wahrheit, die Wahrheit über eine Entzauberung. Ein weiteres Dazwischen liegt in der Sprache. «Der Geschichtenabnehmer» ist erst das zweite Buch, das Todisco auf Deutsch geschrieben hat. «Die Gefühle für die früheren Stoffe kamen aus dem Bauch», sagte Todisco, und dort war das Italienische zuhause. Deutsch war die Sprache des Kopfes. Das hat sich jetzt gekehrt oder zumindest angeglichen. Er ist zurzeit daran, den «Geschichtenabnehmer» selber in seine Muttersprache zu übersetzen, zurück in die Sprache des Bauchs. Mit dem Studium der italienischen Literatur und Sprache hat er sich auch das wissenschaftliche Rüstzeug dazu geholt.
«Geschichten erzählen ist weit mehr als Storytelling», hat Todisco erläutert und berührend am Beispiel seiner 92jährigen Mutter illustriert. Sie werde körperlich immer kleiner und fragiler, aber gleichzeitig werde sie immer mehr zu Geschichten. Geschichten, die im Sohn und in seinen Büchern weiterleben und die wir gerne abnehmen. Und im Gegensatz zu Nerì weitererzählen dürfen.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)