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Frédéric Pajak: Das Ungewisse manifestiert sich zweisprachig

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Frédéric Pajak und seine Übersetzerin Ruth Gantert bereiten sich auf die Lesung vor.

Ein Buch ohne Ende, un livre sans fin zu schreiben und zu zeichnen: Das war Frédéric Pajaks Intention. Neun Bände sind es jetzt, die der nun 67jährige französisch-schweizerische Künstler und Herausgeber unter dem Titel «Manifeste incertain» publiziert hat, sechs sind bis anhin von Ruth Gantert ins Deutsche übersetzt worden. Bei diesen neun soll es bleiben. Ruth Gantert war es auch, die Pajak an diesem aussergewöhnlichen Abend im Schweizerhof kenntnisreich auf Französisch befragte. Aussergewöhnlich, weil es nicht nur eine Lesung war, sondern auch eine visuelle Präsentation, bei der via Beamer ausgewählte Zeichnungen projiziert wurden. Denn die Zeichnungen und Texte in Pajaks Bücher gehören unabdingbar zusammen. Diese ganz eigene Gattung Literatur, in der Pajak künstlerischen Aussenseitern mit Worten und Tuschezeichnungen nachspürt, ist weder Comic noch illustrierte Biografie. Am Beispiel von Vincent van Gogh, der in Band 5 des «Ungewissen Manifests» Thema ist, erläuterte Pajak seine Arbeitsweise. «Voraus geht eine monatelange Recherchearbeit, während der ich Biografien, Originaltexte, Korrespondenzen usw. lese.» Oft zeichnet er dann sur place, und wenn er unterwegs ist – und das ist er oft – macht er unendlich viele Notizen in seine Carnets. Die meisten Zeichnungen fertigt er in einer fast manischen Arbeitsweise innerhalb von zwei, drei Monaten an. Langsam fügt sich dann alles zusammen, wie beim Film ist es eine Montagearbeit, die zum fertigen Buch führt.
 Neben van Gogh beschäftigte er sich mit Walter Benjamin, Fernando Pessoa, Ezra Pound und weiteren Randfiguren, wie er sie selber nennt. Es sind die Widersprüche in diesen Menschen, die ihn faszinieren, Existenzen, die scheitern, die verkannt und die offensichtlich mit Pajak irgendwie seelenverwandt sind. Mit den beiden «Sprachen» Text und Bild gelingt es ihm, Widersprüchlichkeiten sichtbar zu machen und dem Betrachter und der Leserin Raum zu lassen für eigene Reflexionen. Schon der Titel des rund 2300 Seiten und 1500 Bilder umfassenden «Ungewissen Manifests» markiert einen Widerspruch, der bei Pajak, wie er deutlich machte, durchaus auch politisch zu verstehen ist. Ideologien hasst er, das Suchende, das seinen «Antihelden» eigen ist, zieht sich auch durch Pajaks eigenes Leben, das zeigte sich bei einem kurzen Einblick in Band 6, der die eigene Biografie zum Thema hat und in dem auch der frühe Unfalltod seines Vaters dargestellt wird. Es kann nicht erstaunen, dass über den wunderbaren schwarzweissen Federzeichnungen, besonders auch den Landschaften, immer eine leichte Melancholie liegt. Im Buch über van Gogh heisst es einmal, Vincents Pfad, auf dem er sich bewege, sei schmal. Auch das lässt sich auf Pajak übertragen, doch auf diesem schmalen Gratpfad bewegt sich der Künstler mit einer Souveränität, die seinesgleichen sucht. Man hätte dem Abend gewünscht, dass er kein Ende hätte, doch Frédéric Pajak musste ganz banal auf den Zug. Kein Zweifel, dass er, der Besessene und Unermüdliche, noch während der Fahrt sein Carnet weiter füllte, sans fin.  
26. Oktober 2022 / Hans Beat Achermann (Text und Bild)

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