Fabio Andina: Stille und Wasser im Bleniotal
Nicht nur ein präziser Schreiber und Beobachter, sondern auch ein aufmerksamer Zuhörer: Fabio Andina bei der Lesung in Luzern.
Der 50jährige Tessiner Fabio Andina hat mit seinem schmalen Buch «Tage mit Felice» 2019 einen kleinen Bestseller gelandet, nicht nur im Tessin, sondern vor allem auch im deutschsprachigen Raum. Und das ist nicht erstaunlich, wenn man Fabio Andina lesen und erzählen hört. Fast 80 Literaturinteressierte der LiteraturGesellschaft Luzern und der Società Dante Alighieri lauschten dem Schriftsteller und Filmwissenschaftler, der selber im Bleniotal in Nachbarschaft zu dem «Titelhelden» aufgewachsen ist und mittlerweile (nach einem Studium in San Francisco) auch wieder in Leontica wohnt. Wobei: Felice ist eher ein Antiheld, ein Eremit, aus der Moderne gefallen, der ein bescheidenes und karges Leben führt, ähnlich einem Zen-Mönch. Er ist schweigsam, auch die Begegnungen mit dem namenlosen Erzähler sind oft sprachlos, der Erzähler beobachtet, beschreibt diesen 90jährigen, der fast täglich eine Stunde hinaufsteigt zur Pozza, einer natürlichen Wasserwanne, einer Gumpe, wie es in der Übersetzung heisst. Dort steigt er ins kalte Bergwasser, nicht um sich zu waschen, sondern um in den Kreislauf der Natur einzutauchen. In diese Welt des Felice, die immer mehr auch die Welt des Erzählers und – wie er im Gespräch durchblicken liess – auch die von Fabio Andina geworden ist, konnten auch die Zuhörenden fast anderthalb Stunden eintauchen. Andina las auf Italienisch, Christian Baumbach, Schauspieler am Luzerner Theater, las die Textstellen auf Deutsch, Felicitas Spuhler von der LGL moderierte gekonnt zweisprachig. Ein Abend, der einen für kurze Zeit in eine andere, elementare Welt zurückführte, nicht romantisierend, aber zu einer Haltung, in der der Lärm ausgeschlossen ist und das Wasser still in der Gumpe ruht. Zwar pilgern inzwischen aufgrund des Buches monatlich gegen 100 Leute zur Pozza hinauf, ein kleiner Literaturtourismus, allerdings noch in Grenzen dank des mühsamen Aufstiegs. Auch die Literaturgesellschaft wird im kommenden Mai hinaufsteigen zum stillen Wasser im abgelegenen Tessiner Tal.
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Hans Beat Achermann (Text und Bild)