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Eine Herkunft mit vielen Schichten und Geschichten

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Literatur mit einem öffnenden Blick: Martin R. Dean und sein Roman «Tabak und Schokolade»

Er vergleiche seinen Text gerne mit einem Blätterteig, antwortete Martin R. Dean auf die Frage nach der Textgattung seines Buchs «Tabak und Schokolade». Auf dem Umschlag steht allerdings nicht Blätterteig, sondern Roman. Schnell wurde im Gespräch mit der Moderatorin Sybille Birrer dann aber klar, dass auch der Romanbegriff nur unscharf ist. Das Erzähler-Ich deckt sich nämlich weitgehend mit dem Autor Martin R. Dean. Die gelesenen Passagen und das informative Gespräch veranschaulichten dann die thematische und konstruktive Vielschichtigkeit des neuesten Werks des renommierten Autors. Am Anfang von «Tabak und Schokolade» stand ein Foto, das seine Aargauer Mutter hinterlassen hatte und das dem Autor seine väterliche Herkunft aus Trinidad bildlich sichtbar machte. Was dann folgte, waren lange Recherchen im Aargau und auf der Karibik-Insel. Das Ergebnis ist dieser faszinierende Roman, der Fakten und sichtbar gemachte fiktive Passagen enthält («Ich stelle mir vor…»). Noch nie wurden in der Schweizer Literatur Themen wir Rassismus, Kolonialismus, Migration, Herkunft, Identität, Ausbruch und Aufbruch anhand der eigenen Biografie so differenziert aufgearbeitet, und das mit grosser sprachlicher Virtuosität.  Aber auch Schweizer Sozial- und Wirtschaftgeschichte flossen ein, anschaulich beschrieben anhand der Stumpenarbeiterinnen und -arbeiter im Aargauer Wynental, zu denen auch seine Grosseltern gehörten. Und nicht zuletzt ist der Text eine Emanzipationsgeschichte der Mutter des Erzählers, die allerdings voller Widersprüche ist: Befreiungsversuche enden mehrmals in neuen Abhängigkeiten. Weit über die eigene Geschichte hinaus ist es Dean gelungen, dass wir als Leserinnen und Leser ideologiefrei über unser eigenes Verhalten in Bezug auf Hautfarbe, auf Migrantinnen und Migranten, aber auch über Verschleierungs- oder Beschönigungsversuche in der eigenen Familie nachdenken. Das wäre dann «der doppelte Blick», wie ihn Dean nannte, der Blick neben dem eigenen zusätzlich mit dem  öffnenden und den Horizont erweiternden Blick derer, die wir Fremde nennen.

Der Blätterteig ist jedenfalls an diesem prächtigen Sommerabend wunderbar aufgegangen.

Hans Beat Achermann (Text und Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

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