literaturgesellschaft Logo
literaturgesellschaft Logo
  • Programm
  • Porträt
  • Mitglied werden
  • Rückblick
  • Archiv
  • Newsletter
  • Programm
  • Porträt
  • Mitglied werden
  • Rückblick
  • Archiv
  • Newsletter

Eine Balkanreise zwischen Vergangenheit und Zukunft

20231031_192757(1).jpg

Angelika Overath.

Rund 50 Literaturinteressierte kamen am letzten Oktoberabend in den Schweizerhof, um der seit 16 Jahren im Unterengadin lebende Autorin Angelika Overath zuzuhören. Eingeladen hatten die LiteraturGesellschaft Luzern LGL und das Literaturhaus Zentralschweiz lit.z.

«Unschärfen der Liebe» heisst der im Frühjahr 2023 erschienene Roman der 66-Jährigen, aus dem sie zwei längere Passagen vorlas, konzentriert und eindringlich. Das Buch ist die Fortsetzung des vor fünf Jahren erschienenen «Ein Winter in Istanbul». Noch vor dem Vorlesen wollte diebestens vorbereitete Moderatorin Ruth Gantert von der Autorin wissen, wie diese zum literarischen Schreiben kam. Sie hätte als Literaturkritikerin so viele schlechte Bücher auf dem Tisch gehabt, dass sie spürte: «Das kann ich auch und besser.» Sie hatte als promovierte Germanistin jahrelange Erfahrung als Verfasserin von Reportagen und Kritiken für renommierte Zeitschriften und Zeitungen. «Irgendwann merkte ich: Da will etwas erzählt werden.» Auch in ihrem neuen Roman ist das Reportagenhafte herauszuhören: Der Erzählrahmen ist eine Bahnfahrt von Baran, dem türkischen Kellner, von Chur nach Istanbul. Die vorbeiziehende Landschaft, die Zwischenhalte und Grenzüberfahrten geben Anlass zu Reflexionen über die kriegerische Geschichte, Mitreisende sind Stoff für Geschichten und die 30 Stunden Fahrt bieten genug Zeit, Erinnerungen abzurufen. Denn Barans Geschichte ist eng verknüpft mit derjenigen von Cla, den er in Istanbul besucht, und von Alva, die mit dem gemeinsamen Kind in Chur zurückgeblieben ist. Es ist ein Unterwegssein auf verschiedenen Ebenen, vieles ist unscharf, wie es im Titel heisst, so wie die manchmal schneller, manchmal langsamer vorüberziehende Landschaft. Aber es droht «keine gute Ankunft». Immer wieder spiegelt äusseres Geschehen die Welt- und die Seelenlage. Eindrücklich die Schilderung eines gewaltigen Erdbebens, als Baran in Istanbul ankommt.

Im anschliessenden Gespräch zeigte sich die Autorin als humorvolle Gesprächspartnerin, die genau Auskunft gab über ihr Schreiben: Dieses ist – neben der genauen Recherche – stark von der Sprache her entwickelt: «Man kann alles sagen, wenn die Sprache hält.» Sie erzählte auch, dass noch ein dritter Band folgen wird, «Alvas Antwort». Denn weil die Romanfiguren während des Schreibens ein Eigenleben entwickelten, «wollte ich wissen, wie es weitergeht». Sie gestand auch eine gewisse «Kitschanfälligkeit», die sie sich im Gegensatz zu den Reportagen im Roman leisten könne. Anspielungen und Ausführungen zur Mythologie und zur Philosophie machten die Intellektualität der Autorin spürbar, was sich auch im Gespräch zeigte. Das mehrfach zitierte «Zusammenfallen der Gegensätze», das der Philosoph Nikolaus von Kues (Cusanus) beschrieben hat, ist eine Art Leitmotiv des Romans: Innen und aussen treffen sich, Kulturen prallen aufeinander, Mann und Frau (und Mann und Mann) ziehen sich an, Grossstadt und Graubünden treffen sich.

Wie sich Angelika Overath mit Sprache auseinandersetzt und sie seziert, zeigte sich in den wenigen romanischen Gedichten, die sie zum Schluss samt Übersetzung vorlas: Es war so etwas wie ein poetologisches Konzentrat, «Versuche für den Ernstfall», wie es in einem Gedicht heisst, oder in einem anderen: «Sprache, spiele mit mir!». In «Alvas Antwort» wird das gekonnte Spiel weitergehen.

1. November 2023 – Hans Beat Achermann (Text und Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

Kontakt

Impressum

Disclaimer