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«Ein Tag für alle» und ein anregender Abend für dreissig Interessierte

Judith Keller, Pablo Haller Bild 2.jpg

Moderator Pablo Haller und Autorin Judith Keller.

Mit Freude begrüsst Regula Jeger, die Präsidentin der LiteraturGesellschaft Luzern, zur ersten Lesung des zweiten Halbjahrs und stellt dem Publikum zwei erfrischende Stimmen vor: die vielfach ausgezeichnete Autorin Judith Keller, deren dritter Band «Ein Tag für alle» in der «edition spoken script» (Verlag «Der gesunde Menschenversand») eben erschienen ist. Schön, dass Luzern, Standort des Verlags, zu einer Avant-Premiere kommt, was natürlich den auch anwesenden Verleger Matthias Burki sehr freut. Moderiert wird das Gespräch von Pablo Haller, Schriftsteller, Performer, Mitorganisator des Spoken Word Festivals «woerdz»; ob, wie er sagt, Judith Kellers Kurz- und Kürzestgeschichten einen «durch einen Spalt in ein Anderswo linsen lassen»?

Der erste ihrer 98 Texte, «Prolog», gibt den Ton vor:

«Ein Schwarm von Baustangen war gelandet auf der schilfigen Fläche des Tals. Ein Schwarm von Baustangen war gelandet auf der Siedlung neben dem Wald. Ein Schwarm von Baustangen war gelandet auf den Hallen der alten Fabrik. Und überall sah man sie brüten.»

Als Ordnungsprinzip ist der Tagesverlauf zu erkennen, von der Dämmerung frühmorgens bis nach Mitternacht. Die Autorin liest eine erste Sequenz von Texten, bis Odile, man könnte sie eine Art Protagonistin nennen, am Nachmittag «in ein tiefes Schaf» fällt.

Auf die Frage des Moderators, wie sie erkenne, welche Texte funktionierten, gibt Judith Keller Einblick in ihre Schreibpraxis. Sie nimmt ein dickes Schreibheft hervor, in welchem sie Sätze, Gedanken notiere. Mit viel Abstand schreibe sie diese ab, verändere sie beim Kopieren, einige seien sofort fertig. Hingegen sei die Arbeit am Roman völlig anders, da werde ein Text immer länger.

Von ChatGPT – mehr spasseshalber zu Judith Keller befragt – hatte Pablo Haller von einem (nicht existierenden) Titel «Wie weiter?» erfahren. Immerhin, in ihrem Roman «Wilde Manöver» frage eine Figur immer wieder «Und jetzt?», erwidert die Autorin amüsiert. Als Vorbilder nennt sie Adelheid Duvanel, Ilse Aichinger, Franz Kafka, Franz Hohler.

Die Autorin hat Stapelchen von Texten vor sich, wählt mit Bedacht, man könnte es in Anlehnung an Kleist eine «allmähliche Verfertigung der Auswahl beim Lesen» nennen.

Damit plastischer wird, mit welchen sprachlichen und erzählerischen Mitteln die feinen Effekte erzielt werden, hier zwei Beispiele:

Wunsch

Leonor möchte emotional nicht immer alle abholen. Warum kommen sie nicht selber?

Leonor

Leonor gelingt es nicht, die Leute abzuholen. Sie wäre aber bereit, sie zu empfangen.

Judith Keller nennt die Sprache ein Instrument, das uns erlaubt zu verstehen, dass wir vieles nicht wissen, was sie als durchaus tröstlich empfindet. Wie es mit dem Schreiben weitergeht? Sie kann es nicht sagen; nach den Kurztexten wieder ein Roman? Auf jeden Fall Notizen in ihrem Schreibheft.

Felicitas Spuhler (Text), Marco von Ah (Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

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