Ein simpler Eingriff und ein komplexes Thema
Yael Inokai beim Signieren nach der Lesung.
Sie kam von Berlin, wo sie wohnt, und flog tags darauf nach New York, wo sie einen einmonatigen Stipendienaufenthalt verbringen kann. Yael Inokai, gebürtige Baslerin, las zwischen den beiden Metropolen in Luzern aus ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman «Ein simpler Eingriff». Zeit und Ort: Im Gegensatz zum wirklichen Leben von Yael Inokai spielen beide Begriffe in ihrem Roman kaum eine Rolle. Das Wo und das Wann sind ausgeklammert, darauf wies Moderatorin Mariann Bühler gleich zum Einstieg hin: Vielmehr sind es neben den Protagonistinnen Räume, die das Geschehen mitprägen: Der Operationssaal, das Patientenzimmer, das Zimmer der Krankenschwestern. Alles Orte, in denen Machtstrukturen sichtbar gemacht werden. Drei Ausschnitte las Yael Inokai. In allen spielte Zuneigung eine Rolle, aber auch deren Fragilität. Meret, die Hauptfigur, ist eine überwache Pflegefachfrau: «Sie muss alles sehen, damit sie in dieser Welt navigieren kann», sagte Inokai im Gespräch. Diese Welt, in der Begriffe wie Normalität und Normierung von Meret zunehmend hinterfragt werden. Die Wachheit spiegelt sich auch in der Sprache, in der alles Überflüssige eliminiert ist und die gerade deswegen eine grosse sinnliche Qualität hat. Überhaupt die Sinnlichkeit: Sie prickelte nicht nur in der fein beschriebenen Annäherung zwischen Meret und Sarah, sie ist für Yael Inokai auch buchstäblich im Stofflich-Materiellen wichtig. Sie liebe Stoffe und Mode, bekannte sie. Auch der Schreibakt selbst sei ein sinnlicher Prozess, sagte die Autorin im Gespräch mit Mariann Bühler, die mit Yael Inokai freundschaftlich verbunden ist, was der Moderation und dem Gespräch neben der fachlichen Kompetenz auch eine sehr herzliche Ingredienz beifügte. Es waren viele bedenkenswerte Sätze, die an diesem Abend im Schweizerhof zitiert und gesprochen wurden. Zwei habe ich notiert: «Auch beim Schreiben als Autorin weiss man manchmal erst im Nachhinein, worum es eigentlich geht.» Und: «Man hat nie genug von der Welt gesehen.» Da wird New York wohl noch nicht die letzte Destination gewesen sein.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)
30. August 2022