Ein literarischer G2-Gipfel
Nicola Steiner und Catalin Dorian Florescu im angeregten Gespräch.
Beim Schreiben sässen ihm oft Filmregisseure wie Federico Fellini oder Emir Kusturica im Rücken, erwiderte Catalin Dorian Florescu auf die Frage von Moderatorin Nicola Steiner nach Vorbildern oder Inspirationsquellen. Dann schaute er nach hinten in den wunderbaren Bringolf-Saal im Schweizerhof, da war niemand, er aber imaginierte weiter, stellte sich vor, er sässe zusammen mit Nicola Steiner in einem Schlosshotel, wo sie als G2-Gipfel eben «die Weltfreiheit» verkünden würden: Tragikomik vom Feinsten in Anspielung auf den G7-Evian-Gipfel. Freiheit war denn auch der zentrale Begriff des intensiven Gesprächs, ausgehend vom Romantitel «Matei entdeckt die Freiheit». Freiheit lässt sich aber nur am Begriff der Unfreiheit definieren. Weitere Gegensatzpaare wie Rache und Vergebung, Täter und Opfer, das Gute und das Böse, Hass und Liebe, sie alle bevölkern das Werk von Florescu, nicht essayistisch-rational, sondern sinnlich, poetisch, tragikomisch, visuell: «Ich möchte das menschliche Drama in Bildern zeigen», beschrieb der Autor seine Schreibmethode. Die Leinwand ist im Kopf der Lesenden, oder, wie an diesem eindrücklichen Abend, im Kopf der Zuhörenden. Das zweite Kapitel, das ursprünglich das erste hätte sein sollen und erst auf Intervention des Lektors verschoben wurde, illustrierte die poetische Kraft und Intensität vortrefflich und eindringlich: Der Zug der Gefangenen Richtung Lager vor der Folie einer unbestechlich schönen Donaulandschaft und eines aufgehenden Mondes.
Mit dem endgültigen Anfang, der zufälligen Begegnung des ehemaligen Lagerhäftlings mit seinem Peiniger in einer Bukarester Strassenbahn, hatte Catalin Dorian Florescu die Lesung vor rund 70 Zuhörenden eröffnet. Damit waren die Gesprächsthemen gesetzt. Nicola Steiner verstand es vortrefflich, dem Autor Raum zu geben für seine Gedanken, stellte präzise und mit Charme die vertiefenden Fragen, zum Beispiel nach dem Aktualitätsbezug des Romans, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt. Der Roman sei für ihn «ein Kommentar über Gegenwärtiges», aktuell gerade auch durch die gegenwärtigen Kriege und Menschenrechtsverletzungen, er sei die Beschreibung eines Menschen, der «unglücklich im kleinen Glück lebt». Weltgeschichte, heruntergebrochen auf ein individuelles Schicksal, in dem immer auch die Frage lauert: Wozu ist der Mensch fähig? Und, auf das Buch bezogen: Können Rache beziehungsweise Selbstjustiz zu Freiheit führen? Die Frage bleibt im Buch letztlich unbeantwortet. Die im Titel behauptete Entdeckung der Freiheit von Matei ist ambivalent, denn Frieden findet er nicht. Hass als Erlösung? Der Psychoanalytiker Florescu bleibt auch bei dieser Frage unideologisch: Hass könne sowohl Gift sein als auch eine produktive Kraft. Mit diesen ambivalenten Gefühlen werden die Leserinnen und Leser im Buch hin- und hergerissen. Der anfänglich gute Matei wird zum Rächer. So wie sich die Titelfigur wandelt und seine anfängliche Menschlichkeit opfert, so muss auch der Leser, die Leserin die eigenen Werthaltungen überprüfen, auch bezüglich des Freiheitsbegriffs.
«Der Sinn von Politik ist Freiheit», zitierte Nicola Steiner die Philosophin Hannah Arendt und hob damit die Diskussion gleich zu Beginn auch auf die gesellschaftlich-politische Ebene. Catalin Dorian Florescu ergänzte: Freiheit des Einzelnen bedinge auch Verzicht, um andern Menschenwürde zu ermöglichen. Freiheit und Unfreiheit als dauernder Balanceakt. Besinnliche Worte in die Ohren der G7-Gipfel-Mächtigen von einem erfolgreichen und sprachmächtigen G2-Gipfel.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)
17. Juni 2026