Durch den Tod zum Leben gefunden
Esther Schneider und Milena Michiko Flašar.
Die vordergründige Handlung mag ja auf den ersten Blick abschreckend wirken. Doch hintergründig sind genau an dieser Schnittstelle, an der das Leben auf den Tod und Lebendige auf Tote treffen, so viele universelle Themen verhandelbar, die grosse Literatur ermöglichen.
Das zeigte sich eindrücklich bei der Lesung und im Gespräch mit der österreichisch-japanischen Autorin Milena Michiko Flašar vor gut 70 Interessierten im Schweizerhof. «Oben Erde, unten Himmel» heisst ihr fünfter Roman, der letztes Jahr bei Wagenbach erschienen ist. Schon die Irritation des Titels führt mitten in die Thematik, die hinter der Handlung liegt. Eine junge Frau, Suzu, die mit ihrem Hamster das Alleinsein zelebriert, verliert ihren Job als Kellnerin. Auf der Suche nach einer neuen Stelle landet sie bei einem Reinigungsinstitut. Dieses ist darauf spezialisiert, Wohnungen zu räumen, in denen Verstorbene oft tage- oder wochenlang unbemerkt gelegen haben. Aus dieser Situation heraus entwickelt Flašar die existenziellen Themen.
Der hervorragend vorbereiteten Moderatorin Esther Schneider gelang es wunderbar, zusammen mit der Autorin diese Themen einzukreisen und zu vertiefen. Wie begegnen wir dem Tod, dem fremden wie dem eigenen? Wo kippt das freiwillige Alleinsein in die schmerzhafte Einsamkeit? Was hinterlasse ich, wenn ich nicht mehr da bin? Und über allem natürlich steht letztlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Durch die Arbeit bei den Verstorbenen beginnt Suzu ganz langsam an ihrem eigenen Lebensmodell zu zweifeln. Ihr bisheriges, den Menschen eher abgewandtes Leben, das so etwas wie Vorbereitung auf ein richtiges Leben war, erhält durch die Auseinandersetzung mit dem Tod und durch die Begegnung mit einem kranken Arbeitskollegen erstmals eine Sinnperspektive. «Sie findet über den Tod zum Leben», fasste Esther Schneider präzise zusammen. Darüber hinaus ging es im Gespräch auch um das spezifisch Japanische im Buch und die Einflüsse der japanischen Literatur auf das Schreiben, über Rituale, über den würdevollen Umgang mit Verstorbenen, über die Beseeltheit von Dingen wie zum Beispiel im Bild von der «Einsamkeit einer Mandarinenschale». Eindrücklich auch zu erfahren, dass der Ausgangspunkt des Romans ein einziges Wort war: Kodokushi. Dieses bezeichnet den einsamen Tod.
Die hervorragend gelesenen Textstellen zeigten auch, dass die thematische Tiefe durchaus auch in einem leichtfüssigen, oft sogar humorvollen Ton daherkommen kann. Damit werden scheinbare Gegensätze in Frage gestellt, manchmal ist der Himmel gar nicht oben, sondern schon auf Erden, und Leben und Tod sind keine unversöhnlichen Gegensätze. Und im letzten Satz des Buches kommt dann sogar ein Wir vor. Noch weitergedacht könnte es auch heissen. «Ich bin nicht mehr gerne allein. Zumindest nicht immer.» Vielleicht hat bald schon neben dem Goldhamster auch noch ein Mensch Platz. Ein Lebender.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)