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Tine Melzer: Die Sprache als Protagonistin

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Die LGL-Lesung vom 20. Februar brachte im vollbesetzten Salon 11 des Hotels Schweizerhof die Präsentation eines Erstlingswerks: Tine Melzer, Sprach- und Kunstwissenschaftlerin aus Zürich, las aus ihrem ersten Roman «Alpha Bravo Charlie». Das Publikum war davon sichtlich angetan.

Die Handlung in Tine Melzers Romanerstling «Alpha Bravo Charlie» ist einfach. Der Ich-Erzähler Johann Trost ist als ehemaliger Linienpilot seit kurzem pensioniert. Er blickt zurück auf eine schmerzhafte Scheidung und führt nun ein weitgehend einsames Leben, in dem er wie hinter Glas seine Umgebung beobachtet und beschreibt, und seine Zeit damit verbringt, auf seinem Küchentisch eine Modellbaulandschaft aufzubauen – eine wohlgeordnete Miniatur-Landschaft mit ihren Mini-Gegenständen und Menschenfigürchen, auf die er, wie früher im Beruf, aus sicherer Distanz hinabblicken kann.

Doch trotz der anscheinenden Banalität des Plots bietet der Roman eine ganze Reihe von hochinteressanten, originellen Besonderheiten. Drei davon seien herausgegriffen.

Mit ausserordentlichem Einfühlungsvermögen

Tine Melzer sprach bei der Lesung von einer gleichsam «pathologischen Empathie», die sie beim Schreiben bewege. Tatsächlich gelingt es ihr auf bestechende Weise, sich als Frau in die Ich-Perspektive eines Mannes zu versetzen und dessen Lebensumstände glaubhaft zu erfassen, die sich von den ihren fundamental unterscheiden. Mitten in den zahlreichen «Coming-of-Age-Geschichten», die derzeit den Buchmarkt prägen, ist ihr Buch eine, wie sie sagte, «Going-of-Age-Geschichte». Und auch literaturgeschichtlich und geschlechtsrollenspezifisch ist das Buch eine Umkehrung des klassischen Arrangements. Hier beschreibt nicht ein älterer Mann (wie Flaubert in «Madame Bovary», Tolstoi in «Anna Karenina» oder Fontane in «Effi Briest») eine jüngere Frau, sondern eine jüngere Autorin setzt sich mit dem Leben eines älteren Mannes auseinander – eine in der deutschen Literatur nach wie vor ungewöhnliche Konstellation.

Die Eigendynamik der Sprache

Tine Melzer ist von Haus aus Sprachphilosophin (sie hat über Wittgenstein promoviert). Das spürt man beim Lesen. Ihr Roman zeige, so sagte sie, dass Sprache «nicht wie Rohrpost» funktioniere. Das Kommunikationsmodell von Sender, Botschaft und Empfänger ist viel zu einfach, um der komplexen Wirklichkeit gerecht zu werden. Anders gesagt: In der literarischen Kommunikation «entscheidet die Sprache mit, was gesagt wird.» Hans Beat Achermann, Vizepräsident der LGL und souveräner, kenntnisreicher und einfühlsamer Moderator der Lesung, wies auf die sentenzenhaften Sätze und die unkonventionellen Bilder hin, die den Erzählfluss immer wieder stoppen, und bezeichnete diese Einschübe (mit grosser Zustimmung der Autorin) sehr treffend als «Sätze mit Widerhaken». Tatsächlich verselbständigt und verdichtet sich die Sprache in solchen Momenten, was zwar die Lektüre nicht erleichtert, aber zu Reflexionen der Leserschaft in der verschiedensten Art Anlass gibt.

Die poetologische Dimension

Wie Trost am Schluss des Tages sein Landschaftsbild vollendet, so fügen sich die «Sprachspiele» (Wittgenstein) dieses anregenden Romans zu einem kompakten Ganzen: Das Schreiben des Romans durch die Autorin entspricht dem Bauen der Modell-Landschaft durch den Erzähler bzw. Protagonisten.

Hans Rudolf Schärer (Text)

 

LiteraturGesellschaft Luzern

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