Die Liebe in prekären Zeiten
In langjähriger Freundschaft verbunden: Schriftsteller Jan Koneffke (links) und der Luzerner Künstler Niklaus Lenherr.
Ein Geschichtsbuch ist es nicht, auch keine Biografie: Doch wenn Jan Koneffke in seinem Roman «Im Schatten zweier Sommer» erfundene Geschichten mit der Weltgeschichte verknüpft, so ergibt eins und eins mehr als zwei: Es entsteht wunderbare Literatur, in der Fakten und Fiktion einen Mehrwert hervorzaubern. Zentrale Figuren sind der reale Dichter Joseph Roth und die erfundene Fanny Fischler. Roth, der 19jährige Student mit nationalistischen Ideen, und Fanny, die 17jährige jüdische Tochter eines Wiener Schusters, erleben erste zaghafte Liebesmomente, wobei Roths Annäherungsversuche durchaus den draufgängerischen Charakter des späteren Erfolgsautors vorwegnehmen. Es sind Geschichten in Zeitenwenden: Eine Epoche geht zu Ende, während gleichzeitig zwei junge Menschen in eine neue Lebensphase eintreten und sich dann später wiederbegegnen, im mittleren Alter und zu Beginn eines neuen Krieges. Roth ist bereits ein durch Alkoholabusus gezeichnetes Wrack, «das Gespenst seiner besseren Tage», doch die Liebe kann jetzt noch eine kurze Zeitlang ausgelebt werden bis zum bitteren Ende.
Wie dieser Stoff zu Jan Koneffke kam, erzählte er gleich zu Beginn seiner Lesung, der die Zuhörenden mucksmäuschenstill lauschten: Als der Autor und seine Frau 2003 von Rom nach Wien an die Rembrandtstrassse 25 umzogen, war ihnen noch nicht bekannt, dass Joseph Roth 1914 im selben Haus Zimmerherr bei den Fischlers war. Durch einen Zufall erfuhr Koneffke dies aus einer Donau-Biografie von Claudio Magris. So entsteht neue Literatur. Natürlich gehört dann noch viel Recherchearbeit dazu, die auch Sprachforschung beinhaltete. Jiddische und wienerische Ausdrücke tragen zur Farbigkeit der Erzählung bei. Entstanden ist ein äussert raffinert aufgebautes Buch, mit einer erfundenen Genauigkeit, die verblüfft und die einen Sog entwickelt, dem man sich nicht entziehen kann. Eine feine Ironie durchzieht dieses Kunststück, das uns Roth mit seinen Abgründen lebendig macht. Doch die Lieblingsfigur, in die sich der Autor beim Schreiben verliebte, wie er gestand, ist Fanny, die starke und selbstbewusste Frau. Und immer wieder werden wir an unsere Gegenwart erinnert, an die prekäre momentane Weltlage.
Dass Jan Koneffke bei der Literaturgesellschaft las, ist dem Luzerner Künstler Niklaus Lenherr zu verdanken: Die beiden lernten sich in den neunziger Jahren in Rom kennen, blieben freundschaftlich verbunden. Und so war es naheliegend, dass Lenherr diesen Abend moderierte, dem wortgewandten Koneffke die Stichworte lieferte, die dann einen vertieften Einblick in sein literarisches Schaffen ermöglichten. 15 Bücher umfasst das Werk des in Wien und Bukarest lebenden Autors, der auch als Übersetzer und Filmemacher tätig ist.
Einmal mehr zeigte sich, dass es auch ausserhalb von autofiktionalen Erzählungen oder faktenbasierten Biografien eine Gattung Literatur gibt, die uns unterhaltsam, geistreich und sprachlich hochstehend in eine vergangene Welt entführen kann, in der wir mehr über uns und unsere Sehnsüchte und Abgründe erfahren.
Hans Beat Achermann (Text und Bild)