Das Wattenmeer als vieldeutige Metapher
Kristine Bilkau, Autorin des Romans «Halbinsel» (rechts), im Gespräch mit der Literaturvermittlerin Luzia Stettler.
«Halbinsel» sei ein Buch, «das leise und laute Fragen stellt», wie LGL-Präsidentin Regula Jeger bei der Vorstellung der norddeutschen Autorin Kristine Bilkau bemerkte. Und es gibt viele weitere Begriffspaare, welche den Roman charakterisieren. Ebbe und Flut ist eines, Freiheit und Fürsorge ein anderes. Es gäbe noch weitere, zum Beispiel der Blick auf die Zukunft bzw. in das Vergangene. Im Mittelpunkt des mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Romans steht die Beziehung der knapp 50-jährigen Annett zu ihrer halb so alten Tochter Linn. Auch in dieser Beziehung sind es Gegensätze, die zwar nicht unversöhnlich, aber immer wieder konfliktgeladen sind. Wann kippt Fürsorge in Bevormundung? Wie viel Nähe bzw. Distanz ist sinnvoll? Wie gelingt es, Verständnis herzustellen für generationenbedingt verschiedene Werthaltungen und Weltanschauungen? In der Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter ergeben sich zunehmend und subtil herausgearbeitete Verschiebungen im eigenen Blick auf die Welt. Doch der Roman ist weit mehr als eine private Beziehungsgeschichte. Es geht auch um die prekäre Beziehung zu unserer Umwelt, zu den durch die Menschheit verursachten Katastrophen und Krisen. Dafür bietet sich die Landschaft des Wattenmeers als «Kulisse» hervorragend an. Es ist eine von Umbrüchen und Untergängen gezeichnete Gegend, in der «die Landschaft Geschichten schreibt», wie Kristine Bilkau sagte.
Im Gespräch mit der Literaturvermittlerin Luzia Stettler gab Kristine Bilkau vertieft Einblick in ihren Schreibprozess. Mehrmals betonte sie, dass sie «aus den Figuren heraus» schreibe, dass sie gerne chronologisch erzähle und ein überschaubares Setting bevorzuge. Eindrücklich die Schilderung, wie sie nach dem eigenen Ton sucht, nach dem Verfassen der ersten dreissig, vierzig Seiten vieles wieder verwirft und dann vier- oder fünfmal neu ansetzt, bis sie die richtige Stimmung erzeugt hat. Neben dem typischen Bilkau-Sound gelingt es ihr auch, in der scheinbar einfachen Erzählstruktur komplexe Themen zu verknüpfen und eine bedenkenswerte Aktualität herzustellen. Dabei interessieren sie mehr Fragen als Antworten, leise und laute, und diese sind keineswegs auf das Private beschränkt, sondern haben immer auch einen universellen Aspekt.
Der Auftakt ins neue Programm 2026 der LGL ist mit dieser sympathischen Autorin, die auch eine wunderbare Vorlesestimme hat, hervorragend gelungen und begeisterte die rund 60 Literaturinteressierten nachhaltig.
24. Januar 2026 – Hans Beat Achermann (Text und Bild)