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Christian Hallers Annäherungen an das Unsagbare

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Er stand lange nicht im Zentrum des literarischen Betriebs. Jetzt, mit 80, ist alles anders. Als Gewinner des Schweizer Buchpreises 2023 erlebt Christian Haller eine Wertschätzung, auf die er allzu lange warten musste. Die Lesung und das Gespräch bei der LGL bestätigten den hohen literarischen Rang seines Werks und brachten den rund 50 Zuhörenden einen Menschen nahe, dessen Klugheit, Bescheidenheit und Schalk bereichernd und berührend waren. Dass sich Christian Haller dem Publikum öffnete, war nicht zuletzt auch das Verdienst der charmanten und kenntnisreichen Moderation von Eva Holz zu verdanken.

In seinem preisgekrönten Buch «Sich lichtende Nebel» erzählt Haller, wie die Theorie der Unschärferelation durch den Physiker Werner Heisenberg zustande kam: Aus einer alltäglichen Beobachtung wird eine weltverändernde Theorie. Es war dieser Prozess, der für Haller Anstoss für seine Novelle gab. Und daraus eröffneten sich weitergehende Themen und Fragestellungen, die aber nie auf theoretischer Ebene abgehandelt werden, sondern wunderbar in die Lebensgeschichten der beiden Protagonisten eingebettet sind und erzählerisch präzise aufgefächert werden. Einerseits ist es der junge Heisenberg als reale Figur, anderseits der fiktive pensionierte Historiker Hellstedt, beide Wahrheitssucher. An und mit ihnen entwickelt Haller die grossen Themen: Wie stehen Träume und Realität zueinander? Wie verändert der Beobachter das Beobachtete? Wie weit kann man sich dem Unsagbaren sprachlich nähern? Welche Rollen spielen Zufall und Vorherbestimmung im Leben?  Existiert wirklich nur, was formuliert werden kann? Es zeigte sich vor allem auch im Gespräch, wie Fragen der Literatur und Fragen der Physik nahe beieinander liegen. Der studierte Biologe Haller interessierte sich schon seit jungen Jahren weit über das Naturwissenschaftliche hinaus für die Ränder, die Grenzen des Erklärbaren. Dabei war ihm schon mit 19 Jahren klar, dass er sich allen diesen Fragen literarisch annehmen wollte. Doch der Weg zum literarischen Durchbruch war lang und beschwerlich, «doch jeder Widerstand hat mich noch mehr motiviert», bekannte er. Private Schicksalsschläge, Erfolglosigkeit, ja Ablehnung prägten den Weg. Disziplin und Beharrlichkeit waren und sind nötig, um schliesslich zu reüssieren. 20 Jahre lang war er auf Verlagssuche, bevor er 1991 mit «Strandgut» seinen ersten Roman bei Luchterhand publizieren konnte. Auf seine Arbeitsweise angesprochen bekannte sich Haller dazu, ein Langsamschreiber zu sein, zudem erstrecke sich beim ihm die Lektoratsarbeit über ein Jahr. Es sei wie in der Architektur, wenn man etwas ändere, verändere sich die ganze Statik, so dass man immer wieder das Ganze überarbeiten müsse. Grössere Anerkennung fand er als fast Sechzigjähriger mit seiner autobiografischen Trilogie, aus deren erstem Band «Die verschluckte Musik» er abschliessend eine berührende Stelle vorlas, eine zärtliche Begegnung mit seiner Mutter im Altersheim. Die Mutter, die in Bukarest aufwuchs, stellt sich nun vor, mit ihrem Sohn an der Donau zu sitzen, während er ihr aus seinem Roman vorliest, der auch in Bukarest spielt, das Haller Ende des letzten Jahrhunderts besuchte, auf den Spuren seiner Mutter.

So wie sich physikalisch das Beobachtete durch den Beobachtenden verändert, so veränderte sich das Gehörte und Gelesene durch die eindrückliche Begegnung mit einem Autor, der zu den Grossen der Schweizer Literatur gehört. Wir freuen uns auf das für Herbst 2024 angekündigte neue Werk.   

Hans Beat Achermann, Text und Bild, 15. Dezember 2023

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