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Aus dem Lebensbuch einer Porösen

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Ilma Rakusa: engagiert, konzentriert, reflektiert.

«Tagebuchprosa» nennt sie die Gattungsform ihres bislang letzten Werks, das – ohne Fragezeichen – «Wo bleibt das Licht» heisst. Die Frage, die keine ist, sondern vielmehr ein verzweifelter Ausruf, beantwortet Ilma Rakusa auf 556 Seiten mit verschiedenen Textsorten, die sie virtuos beherrscht. Literatur könne keine Kriege beenden, hat sie mal in einer Dankesrede gesagt, aber mit literarischen Mitteln Widerstand leisten. Mit dem Krieg in der Ukraine beginnt das Buch, begann die Lesung im Salon 11 des Schweizerhofs. Mit Unglück und Verzweiflung. «Glücklich, glücklich, glücklich» sind die letzten drei Worte 556 Seiten später. Sie fassen das Gefühl zusammen nach einem gemeinsamen Besuch mit ihrem Enkel im Kunsthaus Zürich. Das Politische und Private, sie sind nicht zu trennen in diesem reichen Lebensbuch der 80-Jährigen, das nicht chronologisch datiert ist, aber doch fortlaufend geschrieben, wie Ilma Rakusa im Gespräch mit Manfred Papst erzählte. Der Anfang fällt zusammen mit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und endet mit der Ausstellung von Marina Abramović im Kunsthaus Zürich im Winter 24/25. Dazwischen sind Hunderte von kürzeren und längeren Notaten und Notizen, abgeschlossene Erzählungen und Gedichte, alles scharf beobachtet von einer «Porösen», wie sie sich selbst bezeichnet hat, reflektiert und kommentiert aus eigenen Lebensbereichen, aber auch welthaltig, traurig, humorvoll, immer poetisch und präzise. Grossartig die gelesene «Schöpfungsgeschichte» mit dem missratenen Zweibeiner Mensch, grossartig und berührend auch die Beschreibung des ins Verkleidungsspiel versunkenen Enkels, ebenso grossartig die Stelle mit dem Schnee, der lautlos auf Schnee fällt, ganz «demokratisch». Beeindruckend auch die litaneiartige Passage, in der sie aufzählt, was alles sie aufgehört hat zu tun (und was nicht).

Die kenntnisreichen und klugen Fragen von Manfred Papst führten zu differenzierten Antworten, die einen sehr tiefen Einblick gaben ins Schreiben der vielsprachigen Autorin, die 1951 als Fünfjährige mit den Eltern in die Schweiz emigrierte. Natürlich kamen ihre osteuropäische Herkunft zur Sprache, ihre Übersetzertätigkeit aus dem Russischen, Französischen und Ungarischen, aber auch ganz konkret ihr Schreiballtag. «Ich bin keine Kaffeehausschreiberin», sagte sie, ihr Schreiben sei mehr japanisch denn wienerisch: langsam, konzentriert, meditativ, immer nachmittags. So erarbeite sie auch nicht mehrere Fassungen, bevor der Text zum Lektor gehe: «Ich bin kein Mensch der Fassungen.» Fassungslos ist sie manchmal aufgrund der Weltereignisse und der Kriege, möchte man wortspielerisch ergänzen.

Eine abschliessende Zuhörerinnenfrage nach dem Verhältnis zur künstlichen Intelligenz führte zu einem engagierten Plädoyer für eine von Humanismus geprägte Welt: «Ich möchte das Menschliche hochhalten.» Die Maschine könne nie den schöpferischen, kreativen Prozess ersetzen. Schon gar nicht, wenn ein vielsprachiges «Kopforchester» im Spiel ist wie bei Ilma Rakusa. Zusammengefasst: Literatur als Lichtblick in dunklen Zeiten! Mit Ausrufezeichen.

Hans Beat Achermann (Text und Bild)

LiteraturGesellschaft Luzern

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